Spielend darstellen?
Ist das Kunst? oder: Was bedeutet eigentlich die Schultheaterwoche?

„Darstellendes Spiel“ und Schultheater zwischen Kunst, Pädagogik oder im Dazwischen eines oftmals allzu chaotischen Alltags? Haben solche Aktivitäten überhaupt noch eine Chance in einer Welt voll vordergründiger Pragmatismen?? Man mag es kaum glauben. Und dennoch über 45 000 SchülerInnen haben in den letzten 38 Jahren im Bereich der Landesschulbehörde Braunschweig eine riesige Anzahl von Aufführungen bei der Schultheaterwoche vor weit über 280 000 Zuschauern auf die Bühne gebracht. Und ungebrochen ist die Zuversicht der Jugendlichen, die in großer Zahl in die Theaterarbeitsgemeinschaften bzw. Grundkurse strömen, in denen „‚Darstellendes Spiel‘ längst ordnungsgemäßes Schulfach ist. Und das nicht nur in Niedersachsen sondern inzwischen in 11 weiteren Bundesländern. Man kann deshalb getrost dem bekannten Wissenschaftler Hartmut von Hentig hoffnungsfroh zustimmen, wenn er glaubt, eine alle Bildungsansprüche befriedigende Schule einrichten zu können, in der es nur zwei Sparten von Tätigkeiten gibt: „Theater und Science“. Und er weiß wovon er redet, denn „Darstellendes Spiel“ hat immer Projektcharakter und ist fächerübergreifend. Es steht immer im Zusammenhang mit den Lebensbefindlichkeiten der Jugendlichen und deren speziellen künstlerischen Interessenslagen. Obwohl bekanntermaßen im Begriff „Theater“ eine Vielzahl von Einzelkünsten gebündelt ist, so ist „Darstellendes Spiel“ dennoch nicht etwa eine Imitation des Berufstheaters oder eine irgendwie merkwürdig geartete Erziehung auf eine falsch verstandene Theaterkunst hin, sondern es unterstützt mit seinen Mitteln und Methoden die Selbstfindungsprozesse der Schüler. Der Gedanke an Peter Brooks zunächst noch unnahbar „leeren Raum“, wo er auf die Unmittelbarkeit des theatralen Vorgangs abhebt, liegt hier besonders nahe. Für ihn ist Raum alles, was noch keine Form hat, und alles was noch keine Form hat, ist eine Möglichkeit. Der „leere Raum“ heißt Virtualität und das ist all das, was vor dem großen Knall kommt in seinen vielfältigen Ausprägungen. In dieser schnelllebigen Zeit muss man sich lösen von allem, was zu schnell da ist, muss sich von allzu voreiligen Schlüssen befreien. Man muss sich ausräumen, wie einen Koffer den man auspackt. Im Schülertheater ist das trendy, denn hier geht es vor allem um die Schulung der Viefalt der Wahrnehmung: Wahrnehmung des eigenen Ichs, des Raumes drumherum, der Bewegung, der Bewegung mit dem Partner, Wahrnehmung des Lichts, der Objekte, der Sprache, der Stimme, der Körperhaltungen, der Farben der Masken und Gesichtszüge. Wahrnehmung der gesamten Umwelt und des Menschen gleich nebenan. Bits and Bytes sind da längst nicht alles, behauptet der bekannte Manager Daniel Goeudevert wenn er fordert: „Man muss endlich aufhören, in den Schulen die Rohstoffe der Persönlichkeit zu ersticken, denen wir dann vergebens im Leben zu begegnen hoffen.“

Und um Persönlichkeitsbildung und Teamkompetenz geht es im „Darstellenden Spiel“ in der Schule und bei den Inszenierungen der Schultheaterwoche. Finanziell werden die Gruppen von einem Schultheaterförderverein unterstützt und bereits im Vorfeld von einem Expertenteam beraten, zu denen Fach-Lehrer und auch Mitglieder des Braunschweiger Staatstheaters und des Deutschen Theaters in Göttingen gehören. In jedem Jahr stellen bis zu fünfzig Schultheatergruppen aus dem gesamten Bereich der Landesschulbehörde ihre Jahresergebnisse auf den Bühnen des Staatstheaters, der Brunsviga, des LOT Theaters und anderer vor. Professionelle Theatermacher bieten im Nachmittagsprogramm Workshops zu unterschiedlichen theatralen Arbeitsweisen an, um an dieser Stelle die Schüler auch gruppenübergreifend ins Spiel zu bringen. Als Regionaltreffen für das zweijährig stattfindende Niedersächsische Schüler-Theater-Treffen und als praktisches Anschauungsmaterial für Fort- und Weiterbildung hat die STW eine weitere wichtige Funktion erlangt. Inzwischen sind auch die StudentInnen des neuen HBK-Studiengangs „Darstellendes Spiel“ in die organisatorische Arbeit involviert.

Prof. Harald Hilpert

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