»Die Stühle«

Grandiose Alte in kleinkarierten Schlappen
Wie verschieden sind doch die Assoziationen, wenn wir an Stühle denken. Die jungen Leute lieben sie nicht, sie denken an Still-sitzen-in-der-Schule und lümmeln sich lieber auf dem Boden. Die alten Leute lieben sie. Endlich sich setzen können, ausruhen, die Füße entspannen, etwas essen. Nichts davon in der „Tragischen Farce“ Die Stühle des französisch-rumänischen Dramatikers Eugène Ionesco von 1951. Hier sind die Stühle Stell-Vertreter der imaginären Gäste. Eingeladen haben sie der Alte und die Alte. Noch einmal geben sie, zusammen etwa 200 Jahre alt, eine Abendgesellschaft für die ganze Menschheit. Zum Hinsitzen und Ausruhen werden sie dabei allerdings nicht kommen.

In der Inszenierung der Berliner Rosa-Luxemburg-Oberschule werden die Stühle zu den Hauptakteuren, als knallrot angestrichene Holzkreationen scheinen sie tatsächlich Beine und Sitzfleisch zu haben. Wie ulkige Fabelwesen stehen sie herum, stehen im Weg, rühren sich nicht und sind doch höchst präsent. Nacheinander werden sie hereingetragen, werden auf ihnen die eintreffenden Gäste begrüßt und angesprochen. Und wie die Gäste gleicht kein Stuhl dem andern. Zum Sitzen scheinen sie nicht geeignet. Gefährdet, unsicher, wacklig muten sie vielmehr an – so wie das Leben ihrer Besitzer.

Denn das Leben der Alten ist ein Konstrukt. Wie ein Stuhl ohne Lehne und Armstütze. Der Zuschauer weiß nie, woran er sich halten soll. Denn die Alten wissen es selbst nicht. Deshalb werden sie sich trotz ihres hohen Alters nicht ein Mal im Stück hinsetzen. Sie sind in Unruhe, ständig in Bewegung, beschäftigt mit dem Eintreffen der Gäste, ausgelastet mit dem Bau einer eingebildeten Welt. Einer Welt, die wichtig und bedeutungsvoll sein soll. Der Hausherr verleiht sich den Titel Hausmarschall, er schwadroniert über die vielen Möglichkeiten in seinem Leben, die Gästeliste reicht bis zum Kaiser. Doch als Höhepunkt wird nicht er, sondern ein Redner erwartet, ein Redner, der die Lebensbotschaft des Alten der ganzen Menschheit verkünden soll. Am Ende aber zerbröckelt das ganze lächerliche Illusionstheater und die Alten stürzen sich mit einem sinnlosen Hipp Hipp Hurra aus dem Fenster.

Das könnte tragisch sein, wird aber bei Sabine Kündiger und ihren Berliner Schülern keinen Moment pathetisch, sondern komisch und zugleich anrührend menschlich. Diese Alten, ja Uralten müssen von den jugendlichen Spielern verkörpert werden. Später werden sie im Nachgespräch erzählen, wie sie den realen Alten, draußen im Leben, das Altsein abgeguckt haben, wie sie ihnen nachgeschlichen sind und ihren Gang und ihre Haltung nachgeahmt haben. Auf der Bühne kann man ihnen dabei zusehen, wie sie die Figuren aufbauen. Die Haltung leicht nach vorne gekrümmt, den Hals etwas schief, die Arme abgewinkelt. Die Hände sind lebendige Sprechwerkzeuge, die Füße schwerfällige Klötze. Die obere Gesichtshälfte wird von grauen Augenmasken mit sagenhaften Stirnwülsten bedeckt, die freien Hautpartien sind grau eingefärbt. Die Männer stecken in weißen Hemden und weiten schwarzen Hosen mit Trägern. Die Frauen in schwarzen knielangen Kleidern mit roten Strümpfen. In karierten Hausschlappen schleichen und schlurfen sie über den weißen Boden, schleppen sie sich durch den Raum, der sechs Eingänge besitzt und im hinteren Zentrum ein Fenster als einzigen Ausweg – aus ihrer Wohnung, ihrem Leben und aus der sinnlosen Welt.

Die Wände sind weiß, farblos, unbeschrieben wie das Leben der Alten. Sie sind die Projektionsflächen ihrer Wunschvorstellungen, ihrer Unterhaltungen und zwanghaften Wiederholungen. Geometrisch beschränkt scheint ihr Leben, gleichförmig, musterhaft, umgrenzt. Drei Farben allein bestimmen ihr monotones Dasein: Schwarz und Weiß und Rot. Die einzige Mischfarbe: Grau. Doch die Gruppe versteht es geschickt, diesen Eindruck der Gleichförmigkeit zu verdoppeln, ja zu versechsfachen. Denn insgesamt treten sechs weibliche und sechs männliche Spieler auf, alle gleich eingekleidet, in gleicher Haltung und Bewegung, nur mit verschiedenen Gesichtszügen. Dadurch wird der Einakter zur Parabel über uns alle.

Die Masken helfen den Spielern nicht nur das hohe Alter zum Ausdruck zu bringen, zugleich bekommen ihre Figuren dadurch etwas Starres, Geisterhaftes, Abgestorbenes. Einsame Phantome sind wir alle, wir Menschen, graue einfältige Durchs-Leben-Schlurfer – so etwa könnte die Botschaft der Ionesco-Komödie lauten, wenn man denn überhaupt eine formulieren will.

Die Herausforderung des Stückes liegt nun vor allem darin, die Einförmigkeit nicht zur Langeweile werden zu lassen. Das gelingt der Gruppe nicht nur durch ihr äußerst präzises Spiel, in dem Timing und Ausdruck durchweg stimmen, sondern auch durch dynamische Gruppenszenen, unterstützt durch die beschwingte Musik von Trio Bravo – und durch witzige Momente, die überraschend gesetzt werden. Ein Beispiel: Der Alte wird melancholisch, da rückt die Alte näher, öffnet ihr Kleid und heraus baumeln zwei lange Zitzen, an denen der Mann begierig zu nuckeln beginnt.

In solchen Momenten ist alles da: das Tragische, das unser Mitleid erweckt, das Komische, das uns zum Lachen bringt und das Menschliche, das anrührt. Das Schwere und das Leichte liegen an diesem Abend so nah beieinander wie das Alte und das Junge, das Hinfällige und das Natürliche. Dass der Gruppe dieser Spagat so überzeugend gelingt und das mit größter Genauigkeit, kann nicht genug gerühmt werden.

Am Ende verdichtet sich das Spiel um Alt und Jung in einem originellen Abschluss, der das Originalstück aus der Perspektive einer Schülertheatergruppe sinnvoll variiert. Wie bei Ionesco lohnt sich das Warten, der Redner taucht tatsächlich noch auf, doch anders als dort ist er nicht taubstumm und kritzelt Unleserliches an die Wand. Der lang Ersehnte ist ein Kind, maskenlos, das zuerst staunend bei den Alten steht, dann den Hinabgestürzten ungerührt nachschaut, das Fenster schließt und am Ende die Verse vom kleinen Jedermann spricht, der geboren wird, lebt und stirbt. Und keck fragt: War das nicht gut? – Das Publikum antwortet mit kräftigem Applaus und bleibt noch lange sitzen.
Von Claus Schlegel

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