»Er läuft und läuft und läuft.... - Pack den Koffer in den Käfer…«

Als Latinlovers noch um hübsche Käfer warben
Der Name lässt gruseln: Wolfsburg. Ort barbarischer Historie, Ort des unheimlich gewordenen Wirtschaftswunders, Ort vielgehasster Retortenkicker. Doch in der Brunsviga wird an diesem Abend Wolfsburg zum ersten Mal heimelig, freundlich, versöhnlich. Ältere Herrschaften steigen mit Rolling-Stones-Tongue-Girl-Shirt auf die Bühne und rocken uns eins oder erzählen inmitten andächtiger dasitzender Jugendlicher ihre Geschichten von damals. Geschichten, die den Käfer umspielen, das meistgekaufte Auto der frühen Nachkriegszeit, Inbegriff des Wohlstands und Verdrängungsmotor der Nachkriegszeit. Geschichten um Liebe und Aufbruch, wie sie sich zwischen 1949 und 1974 ergeben haben, auf den Straßen zwischen Wolfsburg und Brenner, in der neuen Pizzeria, im Bett. Geschichten, in denen Papa noch den Ton angab und in denen Latinlovers deutsche ragazze umwarben wie Käfer das Licht. Im Publikum sitzen an diesem Abend allein Senioren, die sich nach jeder Szene gegenseitig zum Motivationsklatschen anhalten („das tut denen da oben gut“). Dabei hätten die Spieler des Wolfsburger Ratsgymnasiums, die unter der Anleitung von Ute Schneider, Ulrich Stracke und Katharina Lienau das generationsverbindende, multimediale, raumübergreifende Groß-Projekt VW zum Laufen gebracht haben, gar keine zusätzliche Ermunterung benötigt. Stilsicher und originell, mit exaktem Timing und echtem Interesse an der Vergangenheit werden die Käfergeschichten im grünweißen Outfit in Schwung gehalten. Die Straßenlage ist hervorragend, es wird sanft hochgeschaltet, im richtigen Moment die Kupplung losgelassen und munter in die Gänge geschaltet. Beim Bremsen quietschen keine Reifen und niemanden trägt es aus der Kurve. Dabei hätte die eine oder andere Steilkurve, der ein oder andere Hochstart der Vorstellung durchaus bekommen. Allzu gemütlich und affirmativ wird die Wolfsburg-Geschichte vorgetragen, ohne Lust an der Brechtschen Verfremdung, ohne politische Kurbelwellen, ganz so, als dürfte der Wagen ja keinen Kratzer bekommen. Nur wenn Einblicke in das Arbeitsethos der Nachkriegszeit gewährt werden: Schuften am Fließband, das Diktat der Disziplin, Leben unter der Stechuhr und schriller Werksglocke, da schimmern ein paar unschöne Flecken auf dem Wolfsburger Lack auf, die durchaus hätten verstärkt werden dürfen.
Von Claus Schlegel

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