»Ich war Hamlet«

Theater als Kollektiv
Heiner Müllers Hamletmaschine gehört zu den sperrigsten und faszinierendsten Texten des neueren deutschen Theaters. Das Stück, das ohne traditionelle Akteinteilung, ja auch ohne „Rollen“ eines klassischen Schauspiels auskommt, ist über weite Strecken die Montage unterschiedlichster literarischer und politischer Quellen, unter ihnen Shakespeares Hamlet. Die zahllosen Assoziationen an Geschichte und Gegenwart des 20. Jahrhunderts, die in den fünf Szenen anklingen, machen die Hamletmaschine zu einem parabolischen Stück über Utopie und Scheitern des Kommunismus. Am Ende dieser Parabel, die Müller in gewaltigen und gewalttätigen Bildern montiert, steht Ophelia vor den Trümmern der Rebellion, auch ihrer Rebellion als Frau.
Es ist ein Wagnis für einen Grundkurs Darstellendes Spiel, diesen Text aufzuführen. Die Schüler(innen) des Q2-Kurses der 11. Stufe der Ricarda-Huch-Schule haben sich ihm gestellt, und sie haben dieses Wagnis glänzend bewältigt. Nicht nur die schauspielerische Leistung aller Beteiligten war dabei überzeugend, sondern auch die Differenziertheit, mit der sich die Gruppe unter der Spielleitung von Matthias Geginat auf den Text eingelassen hat. Wo Müller bewusst offen lässt, wer eigentlich auf der Bühne spricht, wurde bei dieser Aufführung konsequent auf den Wechsel von Chor und Protagonisten gesetzt. Zugleich wurde durch die Besetzung des Hamlet und der Ophelia mit je mehreren Schauspielern klargemacht, dass hier ein Theater jenseits tradierter Identitätskonzepte gespielt wird.
Die Zuschauer im LOT Theater bekamen darüber hinaus eine Hamletmaschine präsentiert, die eine Version, ja eine Aneignung dieser Schauspieler war – und die gerade so den Geist von Müllers Theater kongenial umsetzte. Denn wenn die Literatur der Vergangenheit für Müller „Material“ darstellt, das in jeder Gegenwart je neu zu kombinieren sei, so haben die Schüler(innen) ihrerseits Müllers Text zum „Material“ einer eigenen Version gemacht, deren Schwerpunkt deutlich von ihren Interessen bestimmt war. Viele der politischen Elemente waren daher gekürzt oder ganz gestrichen. Stattdessen wurde Müllers radikale Dramaturgie der Geschlechter, aber auch seine pessimistische Idee von Geschichte als Geschichte der Verführbarkeit in überzeugender Weise szenisch aufgeführt. Dass alle Beteiligten sich als theatralisches Kollektiv verstanden (und es konsequent auch keine Besetzungszettel mit Einzelnamen gab), zeigte auch das anschließende Publikumsgespräch, das man als Teil der Auseinandersetzung mit dem Text wohl guten Gewissens zu dieser mutigen und gelungenen Aufführung zählen darf.
Von Cord-Friedrich Berghahn

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