»Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)«

Da wäre Shakespeare nie drauf gekommen....
Selten erweckte ein Titel wie dieser so große Erwartungen. Könnte man etwa riesige Bildungslücken in nur 90 Minuten füllen? „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“ heißt das Stück, welches von der Theater AG des Abendgymnasiums Braunschweig aufgeführt wird.
Dabei wird keinesfalls der wissbegierige Theaterbesucher mit unschätzbar kulturellem Input versorgt. Vielmehr wird komödienreiche Unterhaltung geboten, auch für diejenigen, denen Shakespeare bis dato gar nicht so richtig geläufig war.
Die Theater AG unter der Leitung von Viola Gransee-Hübner hatte sicherlich mit genau diesen Erwartungen zu kämpfen. Wenn man dieses Stück anhand des Titels aussucht und nicht weiß worum es darin tatsächlich geht, könnte man inhaltlich auf eine falsche Fährte gelockt werden. Wer würde bei diesem Titel denn erahnen, dass hier nicht die stilistischen Mittel Shakespeares im Vordergrund stehen, sondern dass genau diese aufs Korn genommen werden? Die schlagfertigen Spieler lösen dieses Problem jedoch bereits in der amüsanten Anmoderation. Wie sonst ließe sich die wahnwitzige These aufstellen, dass Shakespeare den Zweiten Weltkrieg auslöste? Eine Antwort auf diese Frage erhalten wir zwar nicht, dafür werden die Zuschauer mit charmant-schusseligen Spielern über 90 Minuten hinweg unterhalten.
Romeo und Julia, Hamlet und Macbeth sind nur einige der parodierten Stücke. Besonders fallen uns eine Julia mit den billigsten Brustimplantaten seit der Implantatskrise und ein Romeo, der eher als Gigolo durchgehen würde, ins Auge. Dabei wird klar, dass die detailgetreue Nachahmung der Stücke nicht im Vordergrund steht. Dies ist auch gar nicht schlimm, denn auf die Idee einer „Schlacht“ in Form eines Fußballspiel (Richard III. vs. Heinrich V.) wäre Shakespeare vermutlich ebenso wenig gekommen, wie auf eine Kochsendung, in der ein Feind zu einer Speise verarbeitet wird. Auch „unser Eintracht“ erhält hier eine Würdigung zum gelungenen Aufstieg. Das Improvisationstalent der Spieler ist gepaart mit einem Spielwitz der Extraklasse.
Das Publikum ließ sich von Beginn an mitreißen und wurde in der einen oder anderen Szene dazu bewegt, Teil dieser Aufführung zu werden. So wurde das Publikum in drei Gruppen eingeteilt, um Ophelias tiefgründige Seele nachzuahmen. Dabei ließen sich die Freizeitspieler der Theater AG nicht aus der Ruhe bringen, wenn das Publikum eine Zeit brauchte, um sich der Distanz zwischen Schauspiel und Publikum zu entledigen. Wer ein trockenes und biederes Stück mit aufwendigem Bühnenbild erwartet, ist hier fehl am Platz. Erstaunlicherweise schaffen es die Spieler mit wenigen bis gar keinen Kulissengegenständen und ohne aufwendige Verkleidung diesem Stück Leben einzuhauchen. An dieser Stelle einen Spieler besonders hervorzuheben, täte der kollektiven Gesamtleistung unrecht. Obwohl es sich „nur“ um eine AG handelt, wurde hier wirklich professionell und ideenreich umgesetzt und dem Publikum dadurch ein toller Abend beschert - auch für nicht Shakespeare-Kenner.
Von Alexander-Julius Zajelski

Kommentare

30.05.2013 11:52 Theaterliebhaber
Mich erstaunt es ein wenig, wie positiv hier über diese Inszenierung gesprochen wird. Es handelt sich dabei um Schultheater, ja, ok. Aber auch Schultheater, das sehen wir an einigen anderen Beispielen dieser Woche, kann und sollte mehr leisten als das Humorniveau von Mario Barth.
Die Spieler haben den Text gut auswendig gelernt. Leider kam dem einen oder anderen Zuschauer schnell der Gedanke, dass Inhalte nicht verstanden wurden.
Hier wurde nur sehr überschaubar mit theatralen Mitteln gearbeitet. Man hatte eher das Gefühl, dass die Spieler den Text gerlernt hatten, um dann frei nach Schnauze zu improvisieren. So etwas kann funktionieren, wenn alle Spieler eine theatrale Ausbildung genossen haben (also eine Körperlichkeit, Stimmlichkeit und ein Timing besitzen und damit umzugehen wissen), aber nicht, wenn es sich dabei um Laien handelt.
Dies sollte man als Spielleitung bedenken!
Abschließend sei trotzdem noch positiv zu bemerken, dass die Spieler Spaß auf der Bühne hatten und es an Energie nicht gefehlt hat.
Und ich stimme Ihnen zu, Herr Radau (siehe zweite Kritik des Stückes), "zum Glück" findet fast jede Art von Inszenierung ihr Publikum.
30.05.2013 16:41 Spieler
Also wenn ich eine positive und eine negative Kritik lese, finde ich es sehr interessant. Theater sollte nicht immer den Anspruch haben stilistisch einwandfrei zu arbeiten. Bisschen Polarisation, bisschen Provokation, bisschen Spaltung des Publikums - man sollte gerade in einer Schultheaterwoche auch mal mit seinen Möglichkeiten spielen. Hier wurde eben diese Form gewählt. Hier wird ja bereits erwähnt, dass man nicht den Anspruch hatte hier Shakespeare auf die Bühne zu bringen.

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