»Vampire – In uns über unter uns«

Das Publikum ist die Bühne
Sie sind blass, haben lange Eckzähne und verspüren einen unstillbaren Durst nach Blut: Vampire. Die untoten Blutsauger sind in den letzten Jahren präsent, wie selten zuvor. Seit dem großen Erfolg der Twilight-Romane von Stephanie Meyer ist es fast unmöglich, nicht mit der Vampir-Thematik in Berührung zu kommen. Der Kurs Darstellendes Spiel, des 11. Jahrgangs, vom Theodor-Heuss-Gymnasium in Göttingen, hat die Zuschauer des Stücks „Vampire – In uns über unter uns“ jedoch nicht mit dem charmanten, sympathisch-glitzernden Image des modebewussten Neuzeit-Vampirs konfrontiert, sondern auf der klassischen Buchvorlage von Bram Stoker's „Dracula“ aufgebaut und das wahre Gesicht der Vampire ans Tageslicht des vergangenen Dienstags gebracht.

Jeder Zuschauer, der den abgedunkelten Saal des LOT-Theaters betrat, war sich unmittelbar bewusst, dass nun die Türschwelle zum Reich der Vampire übertreten wurde: blasse, in schwarz gekleidete Gestalten musterten jeden Schritt des Publikums, dem sicher recht unwohl bei dem Gedanken war, dass es – leider - nicht allzu zahlreich präsent war.

Mit dem Schließen der Tür begann das Schauspiel. In schwarz gekleidete Gestalten tragen einen großen Sarg auf die Bühne. Eine dunkle, markante Stimme lässt verlauten, dass ein Vampir im Saal anwesend sei. Der Schaltknopf für eine permanente Grundanspannung wurde umgelegt. Totale Finsternis. Die Anspannung des Publikums ist wie ein Knistern in der Luft zu spüren. Schemenhaft sieht man Köpfe, die sich umdrehen. Man konnte die Unsicherheit auf den Rängen spüren. Leises Ächzen. Ein entferntes Stöhnen. Schnelles Atmen, ganz nah. Hier und da tauchen Gesichter aus dem Nichts auf, angestrahlt von einem Lichtschein, doch so schnell wie sie erschienen sind sie wieder verschwunden. Dem Publikum wird langsam klar, dass dies kein klassisches Bühnen-Theater ist. Das Publikum ist die Bühne. Die blassen Zeitgenossen geben sich zu erkennen. Sie stellen Fragen. Soll geantwortet werden? Es ist letztendlich egal, denn Antwort oder erschrockener Gesichtsausdruck: beides wird mit hämischen Bemerkungen und Gelächter entkräftet. Es ist vollkommen klar: die Zuschauer befinden sich in den Händen der Vampire. Jede Menge bohrender Fragen werden gestellt. Lichtkegel tanzen durch das Publikum, blenden, enthüllen Umrisse und verschwinden wieder. Die plötzliche Finsternis wirkt fast wie eine Erleichterung. Ist das Verhör vorüber? Jeder fühlt sich schuldig. Plötzlich ein gellender Schrei!
„Ich habe mich geschnitten! Es blutet!“ Stühle ruckeln, Köpfe drehen sich. Zwischen den erschrockenen Blicken des Publikums linsen blasse Gesichter mit gierigen Blicken die Ränge hinauf. „Blut!“ Aus allen Richtungen hört man es: „Blut!“ Dunkle Gestalten arbeiten sich zwischen den Zuschauern die Ränge hinauf. Kriechend, lauernd, geifernd.

Es wirkt wie eine Erlösung, als auf der eigentlichen Bühne ein Lichtkegel erscheint. Ein Vampir nach dem anderen meldet sich zu Wort. Es ist ein Stück zum nachdenken. Keines der zu tausenden wiederholten Standard-Stücke mit klassischer Dramaturgie und typischem Spannungsbogen. Die Vampire sprechen von ihren Ängsten. Es ist fast schon paradox, dass diejenigen, die das gesamte Publikum auf ihren Sitzen eingeschüchtert verharren ließen, von Ängsten sprechen. Man kommt nicht umher zu reflektieren, in sich zu gehen und für sich selbst eine Entscheidung zu treffen: Kenne ich diese Ängste? Von den eben noch bedrohlichen Vampiren geht eine, fast schon bemitleidenswerte Melancholie aus. Einige Blicke des Publikums wandern träumerisch und nachdenklich ins Leere. Die Vampire um uns entblößen den Vampir in uns.
Noch immer mit den eigenen Gedanken beschäftigt wird das Publikum Zeuge, wie ein Menschenleben erlischt und als Vampir wiedergeboren wird.

Mit der Erleuchtung der Bühne wird der Schatten der Nachdenklichkeit von den Rängen genommen. Wie tötet man einen Vampir? Gameshow - Atmosphäre liegt in der Luft. Strahlende, blasse Gesichter blicken die Sitzreihen hinauf. Ein Vampir-Dummy wird nach allen Regeln der Kunst getötet. Sei es durch verbrennen mit alltäglichen Haushaltsmitteln oder durch die Entnahme des Herzens. Vampire töten für Jedermann. Die Stimmung im Saal ähnelt der einer Kochshow am Nachmittag, der Vorführ-Vampir erntet großen Applaus, als sein Kopf abgerissen in der Ecke des Saals landet. Ein großartiger Dynamikwechsel. Das düstere, ausdrucksstarke Licht- und Schattenspiel wird zu einer komödiantischen Slapstick-Nummer auf Kosten des absichtlich simpel gehaltenen Vampir-Doubles, dessen Herz triumphierend dem Publikum entgegen gestreckt wird, bevor es schnell wieder in ihm verstaut wird, da es natürlich viel einfacher und schneller ist, Vampiren den Kopf abzutrennen. Die anfänglich düstere Atmosphäre ist wie weggeblasen. Sei es, mit dem aktuellen „Duckface“ posierend oder wie Soldaten in einer Reihe stehend, ihre Blutgruppen heraus brüllend: Vampire wissen, wie man Spaß hat. So wundert es auch nicht, dass sie tänzelnd zur Musik über die Bühne flanieren, bevor sie ihre einheitlich schwarze Kleidung abwerfen und dem Publikum die „Vampire in uns über unter uns“ zeigen.

Der Spielleiter, Claus Schlegel, hat mit der Gruppe Darstellendes Spiel der 11. Jahrgangsstufe ein wirklich tolles Produkt abgeliefert, das durch die Thematik aktueller denn je ist. Eine anfängliche Geisterbahnfahrt, wandelte sich zu einem Detektiv-Spiel mit melancholischem Beigeschmack, der Jung und Alt zum Nachdenken bewegte, bevor die Spielenden und der Spielleiter mit einem langen Applaus und lachenden Gesichtern gewürdigt wurden. Die Spieler waren sowohl bei der Darstellung der Vampire, als auch bei der wechselnden Atmosphäre vom bedrohlich-melancholischen bis zum Klamauk mit allen Wassern gewaschen. Mimik, Gestik und Präsenz waren sehr authentisch an die jeweiligen Abschnitte des Stücks angepasst, sodass kein Bühnenbild außer Licht und Schatten notwendig war. Eindrucksvoll wurde demonstriert, wie viel man mit dem Spiel von Hell und Dunkel erreichen kann, unterstützt von passender musikalischer Untermalung, die von orchestralen Klängen bis zu elektronischen Rhythmen gefächert war. „Vampire - in uns über unter uns“ ist eins der Stücke, das man hoffentlich noch mal zu einer vampirischeren Zeit mit einem zahlreicheren Publikum zu sehen bekommt, damit dieses wirklich tolle Erlebnis in vielen weiteren Menschen die „Vampire - in uns über unter uns“ wecken kann.
Von Yannick Reupke

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