»NACHTS«

Sie haben nicht geredet, aber viel gesagt
Auf den ersten Blick scheinen verlorene Liebesmüh, psychiatrische Einrichtungen aus dem vorletzten Jahrhundert, Schulmassaker und der Holocaust nicht viel miteinander zu tun zu haben. Nach schärferer Beobachtung stellt man allerdings fest, dass wir vor all diesen Dingen Angst haben. Angst, dass man darunter leidet, dass man darin eingesperrt wird, dass es wieder und wieder passiert. Vornehmlich werden solche Ängste zu einer ganz bestimmten Tageszeit entwickelt: „NACHTS“.
Das gleichnamige Stück des DS-Prüfungskurses des Gymnasiums Ricarda-Huch Schule Braunschweig entwickelte in Kleingruppen unter der Leitung von Matthias Geginat zu den oben genannten Thematiken, welche aber nicht vorgegeben waren, kleine Szenen. Als Besonderheit verzichteten alle Gruppen fast komplett auf Sprache und vertrauten sich nur der Musik und ihrer Mimik und Gestik an. Die einzelnen Szenen wurden durch Choreografien der gesamten Gruppe und eingesprochenen Texten aus Hoffmanns „Der Sandmann“ miteinander verknüpft.
Alle Spielerinnen und Spieler trugen den gleichen Schlafanzug wodurch der Fokus direkt auf Träume gelegt wurde. Die anfänglichen Choreografien wirkten noch etwas deplaziert, es war schwierig, diese einzuordnen, ihnen einen Sinn zu geben. Die Gruppenarbeiten konnten dieses kleine Defizit aber mehr als ausgleichen.
In der ersten Szene lief ein Mädchen verzweifelt ihrem Schwarm hinterher, doch dieser beachtete sie nicht. Als er doch noch Gefühle für das Mädchen entwickelte, war es schon zu spät: sie wollte ihn nicht mehr. Vielleicht etwas platt, mag man denken, aber durch die vier Akteure wurde die eher banale Geschichte mit Hilfe von schönen Tanzchoreografien wunderbar erzählt. Anschließend wurden wir Zeuge grausamer Behandlungsmethoden einer Irrenanstalt. Hier wurden Köpfe aufgesägt und Hirnmasse gegessen. Die vier Insassinnen hatten eine unangenehme Geräuschkulisse aufgebaut und zwei Wärterinnen fügten ihnen unglaubliches Leid zu – bis zum Tod. Eine in sich sehr gelungene Sequenz. Das ein oder andere Mal lief einem ein eiskalter Schauer über den Rücken.
Es folgte eine Aufarbeitung diverser Schulmassaker. Wieder eine gut entwickelte Choreografie. Der Mensch als Maschine, unter ständigem Leistungsdruck – bis er platzt. Toll dargestellt die immer größer werdende Unsicherheit der Täter; doch bevor eine Reflexion stattfinden kann, kommt der alles beendende Selbstmord. Durch eine Leinwandprojektion wurde der Killerspieldiskurs wieder einmal eröffnet. Hier hätte man die Ursachen vielleicht noch etwas differenzierter herausarbeiten können. Zum Abschluss dann eine der schlimmsten Tragödien in der Menschheitsgeschichte: der Holocaust. Sicherlich war die Untermalung mit dem Thema aus Schindlers Liste etwas zu dick aufgetragen, aber die Szene wurde glücklicherweise ohne weiteres Pathos performt. Genial hier die Entfremdung der KZ-Aufseher. Spätestens, als eine KZ-Insassin verzweifelt von der Bühne kriechen will, die Zuschauer flehenden Blickes um Hilfe anbettelt, aber niemand einschreitet und alle nur zusehen, da fühlt man sich ertappt - und muss unweigerlich an die aktuelle NSU-Debatte denken.
Insgesamt ist dem Kurs eine aufrüttelnde und sehr bewegende Inszenierung gelungen, die einmal mehr zeigt, dass es nicht vieler Worte bedarf, um auf Themen, Ängste oder Sehnsüchte aufmerksam zu machen. In Schindlers Liste heißt es: „Du hast geredet, aber nichts gesagt“, diesen Satz können wir getrost umkehren. Man muss nur genau hinsehen.
Von Philipp Radau

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