»Locked in«

Das Grauen nimmt ab da seinen Lauf
In diesem selbst verfassten Bühnenstück setzten sich 15 Schülerinnen und 4 Schüler eines 11. Jahrgangs des Kurses Darstellendes Spiel vom Ratsgymnasium Wolfsburg unter Leitung von Inka Sander damit auseinander, was es bedeutet, wenn das Leben eines Menschen (Tom) nach einem Autounfall durch die Diagnose „locked in“ beinahe vollständig zum Erliegen kommt. (Unter „ locked in“ versteht man in der medizinischen Fachsprache einen Zustand des „Eingeschlossen Seins bzw. Gefangenseins im eigenen Körper“, wobei ein Mensch zwar bei Bewusstsein, jedoch körperlich fast vollständig gelähmt und unfähig ist, sich sprachlich oder durch Bewegungen verständlich zu machen.) Nach einem fulminanten Einstieg in die Thematik (Blaulicht, Martinshorn und ein von Pflegekräften hektisch durch die Gegend geschobener Verletzter im Krankenhausbett auf der ansonsten dunklen Bühne) zeigen die ersten auftretenden SchülerInnen überzeugendes Einfühlungsvermögen in ihre Rolle, wenn sie sich stöhnend und sichtlich körperlich angestrengt mit schmerzverzerrten Gesichtern als Schwerverletzte über die Bühne schleppen. Erst einige Zeit später wird dem Zuschauer klar, dass es sich hierbei um die quasi mehrfach besetzte Rolle von „Tom“ handelt. (Diese theatrale Inszenierungsstrategie erlaubt es, die inneren Gefühle der Hauptfigur facettenreich auf die Bühne zu bringen und ermöglicht zudem, eine relativ große Zahl an Mitspielern in das Stück gelungen einzubauen.)
Es folgt ein choreographisch wirkungsvoller Auftritt des „medizinischen Fachpersonals“, das dem Zuschauer diverse Formen und Grade eines ins Koma fallenden Patienten – offensichtlich gut recherchiert – im klaren und präzisen Sprachduktus erläutern. (Hier wird deutlich, dass das Stück im Rahmen des „Forschenden Theaters“, welches diesjährige Thema im Schultheater der Länder ist, entwickelt wurde.) Das Grauen nimmt ab da seinen Lauf…
Die Hauptfigur Tom fällt – aus dem Koma erwachend – in eben diesen Zustand, aus dem sie sich nur langsam wieder in die Gegenwart zurückkämpfen kann. Unterstützt wird Tom dabei durch die Anteil nehmenden Freunde und Verwandte, die ihn mit ihren allzu offenen Gesprächen am Krankenbett allerdings zum Teil auch peinigen, da ihnen erst nicht klar ist, dass Tom trotz seiner zunächst vollkommenen Lähmung alles um sich herum wahrnimmt.
Neben der oben skizzierten theatralen Technik der „Personenvervielfältigung“ (für die beiden Protagonisten Tom und seine Freundin Laura) werden auch noch andere theatrale Mittel effektvoll eingesetzt (so kann beispielsweise die Erzähler-Figur die auf der Bühne Agierenden wie an unsichtbaren Marionettenfäden führen), was dem Bühnengeschehen eine Vielschichtigkeit gibt und Interpretationsspielräume schafft.
Bei der Ausspielung ihrer Rolle zeigen die SchülerInnen häufig eine hohe schauspielerische Identifikation mit ihrer Rolle und ziehen den Zuschauer so emotional immer wieder in ihren Bann.
Bleibt zusammenfassend zu bemerken, dass der gesamte Kurs gelungen in das Stück eingebunden werden konnte, die eingesetzten theatralen Mittel und schauspielerischen (Einzel-)Leistungen zum Großteil überzeugten, für eine hohe Grundspannung sorgten und das Publikum emotional über weite Strecken mitgehen ließen.
Nur das quasi „Happy-End“ wirkt befremdlich, da die psychologisch hochdramatische Ausgangssituation des Stückes sich am Ende in die Belanglosigkeit eines „ganz normalen“ Alltags auflöst (Tom ist wieder genesen, konnte sein Studium abschließen, arbeitet nun halbtags bei seinen Eltern, ist aber inzwischen von seiner Freundin Laura getrennt.) Hier hätte man sich etwas mehr Interpretationsspielraum und Raum für die eigene Fantasie des Zuschauers gewünscht, wie sie ansonsten im Stück dramaturgisch angelegt ist.
Am Ende schließlich lang anhaltender und verdienter Applaus und viele positive Rückmeldungen für die Schauspieler/innen im Anschluss.
Von Katharina Sischka

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