»SeelenSCHACH«

Ich finde meinen eigenen Weg!
„Ich will meinen eigenen Weg finden“, sagt Leo, der – mehr ein „Human-being“ als ein „Human-doing“ - auf Teilen eines Schachbretts steht oder sitzt, die sich in ständigem Umbau befinden. Leo wird von Personen bedrängt – oder sind es seine eigenen Gefühle? Sie kommen melancholisch, wütend, euphorisch, verspielt, verführerisch daher. Eins haben sie alle gemeinsam: Sie lassen Leo nicht, wie er ist. Sie attackieren ihn, reden ihm zu oder werfen ihn zu Boden, wollen ihm helfen, brauchen ihn, kennen SEIN Problem, den „richtigen“ Weg, reißen ihn immer auf Neue aus seiner Mitte. Sie wirken selber wie getrieben, bauen in-sich-scheinbar-stimmige Szenarien auf, an denen Leo teilhaben soll. Leo lässt sich mitreißen, verweigert sich, re-agiert. Und jedes Mal kippt die Situation. Eine wilde Party endet abrupt. Eine fleißige Schülerin, die es Allen Recht machen will, rezitiert - wie eine Wirtschaftsbilanz - das Entstehen von Aggression und wird samt ihren Mitschülern von eben dieser davon gerissen. Leo auch. Eine rosa Pille, die ihm von einer verführerischen Blondine in den widerstrebenden Mund gezwängt wird, versetzt Leo in eine wabernde Traumwelt, in der scheinbar Freiheit herrscht. Die märchenhaften Wesen, die sich in eigenen skurrilen Rhythmen bewegen, werden plötzlich zum Gefängnis, zwängen Leo ein. Nach diesem Erlebnis formuliert er klar und deutlich: „Ich finde meinen eigenen Weg!“ Danach scheint der Bann gebrochen: Die eben noch zu jedem Ausdruck mit entsprechenden Farbaccessoires versehenen Spieler werfen einer nach dem anderen ein Kleidungsstück ab. Jeder formuliert, wie er mit einem Gefühl umgeht, wenn es ihn überkommt. Jeder drückt sich mit einer individuellen Geste aus. Am Ende stehen die Menschen allein oder an andere Mitspieler gelehnt da, sich ihrer selbst bewusst. Als die Spieler die Bühne verlassen bleiben in der Mitte die Schachteile, Accessoires, Schuhe liegen, wie die Haut einer Schlange nach deren Häutung. Als letzter entledigt sich Leo der T-shirts, die ihm während seiner Reise durch die unterschiedlichen Zustände angezogen wurden und wiederholt: „Ich finde meinen eigenen Weg.“ Das nur 25 Minuten währende Stück wirkte durch seine Tiefe viel länger. Diese erfrischende Inszenierung mit wenig Technikschnickschnack und gezielt eingesetzten Requisiten, war durchgehend mitreißend. Die Choreografien, die Gestik und die reduzierte, doch wirkungsvolle Sprache, waren abwechslungsreich, bauten immer neue Spannungsbögen auf. Die Musik und die Ausleuchtung unterstützten die jeweiligen Aussagen. Die Schlussszene war besonders spannend: „Jeder wirkte so echt“, so formulierte es beim anschließenden Gespräch eine Zuschauerin. In dieser Nachbesprechung wurde klar, dass das Stück „wachsen“ durfte, sich verändern durfte. Die Schüler hatten Zeit, Pläne umzuwandeln, Tücken und Maschen der personifizierten Emotionen zu entlarven, sich mit ihnen anzufreunden, sich für diese „Wesen“, die das Leben eines jeden mehr oder weniger stark begleiten, zu interessieren, in sie hineinzuschlüpfen. Man konnte sehen, dass sich die Spieler in ihrer Haut, in ihrem Stück, wohl fühlten, jeder zu dem/der wurde, den er/sie spielte. Sascha, der Leo spielte, „wurde einfach die Hauptrolle“, sagte eine Schülerin. „Seelenschach“, ein ambivalenter Titel, verweist darauf, dass Menschen einzigartig sind und sich nicht stereotypen, strategischen Spielregeln unterwerfen. Es war ein Vergnügen, zu sehen, dass es der Theatergruppe in ihrem Stück gelungen ist, diese alte Botschaft neu zu beleben.
Von Annette Kramer

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