»Locked in«

TOM TOM
Sie haben ihren Bestimmungsort erreicht! Für Tom endet sein bisheriges Leben mit heftiges Reifenquietschen und sich kreischend auffaltendem Blech auf einer Rettungsliege auf dem Weg ins Krankenhaus. Sanitäter in leuchtenden Warnwesten schieben ihn hastig unter Blaulicht und Sirenen bis in die Mitte des dunklen Bühnenraums im Kleinen Haus des Staatstheaters .
Jäh und mit effektvollem Knall beginnt das Stück „Locked-in“ des Wolfsburger Ratsgymnasiums.
Die Schüler des 11. Jahrgangs nähern sich mit der Spielform des forschenden Theaters dem „Locked-in-Syndrom“ an: Tom, die zentrale Figur, ist nach diesem Unfall bei vollem Bewusstsein in seinem Körper eingeschlossen, nimmt aber alle visuellen und akustischen Eindrücke in seiner Umgebung wahr – nur weiß das zunächst niemand.
Tom, Tom und noch ein Tom.
Das Tom gleich von mehreren barfüssigen Schülerinnen und Schülern in weißen Patientenkitteln verkörpert wird, ist zunächst etwas verwirrend. Nacheinander legen sie sich in das weiß leuchtende Krankenbett auf der ansonsten dunklen Bühne ein gelungener visueller Effekt und eine kluge Idee um das große Ensemble im Stück. Nach dem Auftritt des multiplen Patienten erscheint eine Schar von Ärzten und trägt nüchtern die gut recherchierten Fakten zum Krankheitsbild vor. Das Anfangs sehr schnelle Tempo der Inszenierung lässt hier deutlich nach und unterstreicht den luftleeren Raum in den dieser jähe Schicksalsschlag nicht nur den Patienten Tom, sondern auch seine Eltern, seine Freundin Laura und seinen Freundeskreis stürzt.
Fragen nach dem Hirntod, Organspende und Loyalität in der Krise werden angerissen jedoch nicht vertieft und machen deutlich, das dieses komplexe Thema sehr viel Stoff für eine 40-minütige Darstellung liefert.
Im Mittelteil schwankt das Stück etwas unfokussiert zwischen Toms Frustration sich nicht mitteilen zu können und der episodenhaften Erinnerung seiner Familie und Freunde an die Zeit vor dem Unfall. Andererseits wird so die Gefühlslage aller zwischen Hoffen und Bangen und die großen Ungewissheit über Toms weitere Zukunft implizit deutlich. Wäre Tom besser gleich gestorben?
Wie fühlt man sich eingesperrt und ohne die Möglichkeit zu kommunizieren?
Diese beklemmenden Gedanken, die man sich unweigerlich bei diesem Thema stellt, werden in einer Szene mit Toms Clique, die um sein Bett versammelt anfängt Gedichte aus seinem persönlichen Notizbuch vorzulesen, deutlich.
An diesem Punkt der größten Hoffnungslosigkeit wartet der unsensible Arzt mit einer großen Neuigkeit auf, die die Wendung und schließlich die Auflösung des Stücks bringt. Tom ist in der Lage mit seinen Augen zu kommunizieren, wie der als ghost boy, bekannt gewordene Südafrikaner Martin Pistorious, der von mehreren dunkel gekleideten Darstellerinnen eine Stimme verliehen bekommt und den weiteren Weg Toms durch die Rehabilitation exemplarisch verdeutlicht.
Am Ende wendet sich Toms Geschichte also zum Guten, wenn auch die Beziehung zu seiner Freundin Laura in die Brüche geht. Eine bewusste Entscheidung des DSP-Kurses wie sich im Nachgespräch herausstellt, um einen Gegenpunkt zu dem ansonsten tragischen Inhalt zu setzen. Immer wieder im Laufe des Stückes kommt jüngere und ältere Popmusik zum Einsatz, deren Texte inhaltlich passend auf die Bühnenhandlung abgestimmt scheinen. Nicht immer unterstreicht das auch die Gefühlslage der Charaktere.
Insgesamt wurde das Thema „Locked-in-Syndrom“ sehr facettenreich erforscht und szenisch umgesetzt und lieferte so dem Publikum wertvolle Informationen zum Nachdenken, Nachlesen und Diskutieren. Bestimmungsort erreicht.
Von Neele Savoir

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