»Als ich die Grenze überschritt, bin ich zu weit gegangen«

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Man zeigt seine Eintrittskarte vor. Das Einlasspersonal reißt diese ab. Freundliches Nicken. „Schönen Abend.“ Nun sucht man sich ein gemütliches Plätzchen, wo man sich auf seine vier Buchstaben setzen und berieseln lassen kann. So beginnen wohl viele Theaterabende. Nicht aber »Als ich die Grenze überschritt, bin ich zu weit gegangen« (Kooperationsprojekt des 11. Jahrgangs der IGS Volkmarode und dem Staatstheater Braunschweig). Neben dem Abreißen der Eintrittskarte und der freundlichen Grußformel, bekommt man Zettel und Stift in die Hand gedrückt.
Markiere nach jeder Frage, wie DU geantwortet hast : JA/NEIN
Man ahnt: Sich einfach berieseln lassen und zurücklehnen, wird hier wohl Fehlanzeige sein. Und Recht hat man. Zurücklehnen ist nicht. Sitzen auch nicht. Das Publikum steht selbst auf der Bühne des Kleinen Hauses. Vom ersten Rang singen nun zwei Chöre: Der eine bittend, der andere (verzerrt, disharmonisch) abweisend. So erkennt man bereits nach den ersten Takten, welches bearbeitet wurde: Die Situation, in welcher sich Deutschland gerade befindet.
Deutschland als Zuwanderungsgesellschaft und Deutschland im Rollen- und Positionskonflikt. Mögen die Spiele nun beginnen. Ja oder Nein? Zwei Quizmaster, ein Schüler und eine Schülerin des 11.Jahrgangs stellen dem Publikum Fragen. Fragen, die stellenweise überfordern sollen. „Sind Sie ein weltoffener Mensch?“ Wenn ich denke, dass ich weltoffen bin, dann stelle ich mich auf die rechte Bühnenseite - JA. Die linke Bühnenseite, welche mit einem weißen Klebeband abgegrenzt ist, bietet nun Raum für die weniger weltoffenen Mitspieler - NEIN. Manche Fragen sind offensichtlich und eindeutig. Bei einem eindeutigen Ergebnis kann es dann auf einer der beiden Bühnenflächen schon einmal eng werden, so z.B. „Wird Deutschland Europameister?“ - Raten Sie mal, auf welcher Seite man schier zerquetscht wurde. Doch schnell löst sich diese Situation auf. Im Gegensatz zu vielen Ländergrenzen kann man hier ganz einfach und schnell auf die andere Seite hüpfen. Sofern man sich nicht selbst im Weg steht. Wenn man sich umschaut, so entdeckt man, dass immer wieder Unsicherheit aufkommt. Viele blicken sich um, um zu schauen, wie sich die anderen entscheiden. Einige schließen sich dann auch einfach nur der Masse an, andere wiederum unterdrücken offensichtlich ihren ersten Impuls. Das Stück ist ein Spiegel der eigenen Einstellung und konfrontiert einen damit, dass man stellenweise sich selbst und anderen gegenüber unehrlich ist. Dies gelingt auch dadurch, dass man ständig aktiv sein muss.
Allerdings hätte man dem Ganzen etwas mehr Raum schenken können. Der Kurzweiligkeit und Lebendigkeit hätte es keinen Abbruch getan, wenn man dem Publikum zumindest ausreichend Zeit gegeben hätte, sich zu einer Seite zu bewegen oder die Fragen zu verarbeiten. Besonders interessant wurde es, als das Publikum aufgefordert wurde, sich miteinander zu unterhalten. Dieser Ansatz hätte gerne häufiger verfolgt und mutig verlängert werden können.
Dass sich die sogenannte Zuwanderungsgesellschaft sozusagen versteckt, teils vor Rechten und Pflichten flieht und sich aus der Verantwortung zieht, wurde mittels starrer Pappmachémasken (hier konnte man unter anderem ein bekanntes Gesicht mit Quadratbärtchen ausmachen) dargestellt. Starr, wie die Meinung vieler und eine Distanz aufbauend, wie sie viele zu diesem Thema haben und zu den Betroffenen stehen. Aber es ist nicht nur eine Maske, hinter der wir uns verstecken, sondern es sind auch Widersprüche, in die wir uns verstricken: Ansichten und Antworten, die logisch durchdacht nicht funktionieren können.
Wir (das Publikum als gesamte Gruppe) sehen es als unsere Aufgabe, gegen Rassismus einzutreten, sind gleichzeitig aber noch nie auf einer Demonstration gegen Rechts gewesen. Das Gemurmel im Publikum zeigt Unzufriedenheit. Mit dieser Pauschalisierung möchte man sich nicht abgeben. Man ist individuell und selbst doch ganz anders. Aber was bleibt unter dem Strich übrig, wenn man die ganze Zuwanderungsgesellschaft in einen Topf wirft? Widersprüche. Unterschiedliche Haltungen, die man manchmal nicht vereinen kann. Diese unterschiedlichen Perspektiven wurden vielfältig ausgebreitet.
Der Versuch, zu Kategorisieren, scheitert. Häufig ertappt man sich doch, wie man selbst einordnet und festschreibt. Wie sich das anfühlt, erfährt das Publikum an lebendigem Leib: Anhand der Ja/Nein - Anzahlen der gegebenen Antworten, wird es in drei Gruppen geteilt. Charakteristika der Gruppen: Gierig (die Ersten), ängstlich (die Zweiten), hoffnungsvoll (die Dritten). Irgendwie fühlt man sich nicht ganz wohl. Einerlei, in welcher Gruppe man steht, denn augenscheinlich ist einem bewusst, dass solch eine Einordnung schlichtweg falsch ist.
Auch wenn man hoffnungsvoll ist, kann man ängstlich sein und ein Gieriger kann ebenfalls vor Angst schlottern. Diese Eingruppierung provoziert. Mit Erfolg. Außerdem fragt man sich doch insgeheim: Stimmt das tatsächlich? Möglicherweise werden so starre Ansichten ein wenig ins Wanken gebracht oder zumindest genauer reflektiert.
Ein Stück der Selbstreflexion wird heute im Kleinen Haus mehrschichtig auf die Bretter der Welt gebracht. Die Schüler konfrontieren das Publikum. Sie sind Teil des Publikums. Sie schreien. Sie singen. Sie flüstern. Sie halten eine Festrede zur Souveränität Bayerns. Die Erarbeitung ist wie das Thema und wir selbst. Facettenreich. Trotz aller Vielfalt bleibt aber ein Wunsch unerfüllt: Geht über die Grenzen! Traut euch auch mal zu weit zu gehen. Die Fragen hätten ruhig noch beißender, noch provokanter, noch verunsichernder sein dürfen. So, dass man sich verzweifelt ein „Vielleicht“ oder „Keine Ahnung“ (hat man nicht zur Auswahl) wünscht. Eine Antwort, wie man sie im Leben, abseits der Bühne wohl viel zu häufig vorfindet.
Von Laila Hertenstein

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