»Eröffnung« und »Herr der Fliegen«

Na, habt ihr etwa Krieg gespielt?
Offener Vorhang. Blau-weißes Licht. Auf der linken Bühnenseite an der Rampe ein Mikrofon. In der Bühnenmitte ein riesiger Müllhaufen: Plastik. Papier. Pappe. Und eine aufgespießte blaue Plastiktonne in der Größe eines Schweins.
Der erste Spieler der Kulturklasse 9.3 des Gymnasiums am Freudenberg Salzgitter tritt an das Mikrofon heran. Zischen. Brummen. Summen. Nach und nach kommen die Schüler auf die Bühne. Jeder macht ein Geräusch, welches von einer Loopmaschine wiedergegeben wird. So entsteht im Kleinen Haus des Staatstheaters Braunschweig ein klanglicher Dschungel.
In dieser Urwaldgeräuschkulisse formen die Spieler einen Pulk. Eine grau gekleidete Gruppe steht vereint vor dem Publikum und starrt und schaut und bewundert. Sie beobachten gar so, als warten sie auf etwas. Nun vereint: „Boah“.
Man versetzt den Zuschauer in die Welt des Romans „Herr der Fliegen“ von William Golding. Die wundersame Natur wird geschildert. Meer, Strand, Riffe und schlussendlich auch die unglaubliche, herrschende Hitze, werden beschrieben. Der Pulk löst sich und voller Energie brennt eine Müllschlacht aus, die musikalisch unterlegt ist. Stopp. Die Szene friert ein. Go. Und weiter geht das Kampfgewusel.
Die Schüler probieren sich aus. Was kann man mit dem Müll anstellen? Was kann ich bauen? Bereits hier entstehen kleinere Konflikte, wenn sich die Kinder um die gleiche Pappe streiten oder einer das Werk eines anderen zerstört. Es entsteht ein abwechslungsreiches Mosaik.
Angst. Geräusche eines Tieres ertönen. Die Pappe dient nun als Schutzschild. Angst, dank welcher die einzelnen Individuen eine Gruppe bilden, macht sich breit. Aus vereinzelter Angst entsteht vereinte Aggressivität. Vereint rückt die Gemeinschaft im Pappeschutz in römischer Schildkrötenformation nach vorne.
Diese Gewaltbereitschaft, die Bereitschaft Böses zu tun - zu verletzen, zu zerstören, ja auch zu töten - durchzieht die Inszenierung von Anne-Katrin Parthe-de Pauw und Sebastian Schrader. Kampf ist sozusagen einer der Hauptbestandteile. Vor allem der Kampf einer Gruppe gegen einen Einzigen. Zahlreich versucht man Kämpfe realistisch auf die Bühne zu bringen. Was aber den Zuschauer viel mehr zum Grauen bringt und berührt ist, wenn zum Beispiel die Spieler zu einem Schwarm vereint mit vor Wut verzerrten Mimiken geradezu auf das Publikum zugehen. Generell ist anzumerken, dass die sensible Spielweise der Schüler
überzeugt. Teils animalisch, teils verletzlich, teils verängstigt, teils brutal - die komplette Spannbreite ist abgedeckt.
Die Inszenierung packt. Auch körperlich. Wenn beispielsweise die Spieler alle in einem Rhythmus um den zu einem Feuer (besonders: von den Spielern erzeugtes gelooptes Papierrascheln und Knistern) umfungierten Müllhaufen stampfen, entsteht eine Energie der besonderen Art. Als Zuschauer fühlt man sich, als beobachte man einen Stamm eines Naturvolkes. Man steht außen. Sieht die Gruppe, die konform und vereint wirkt. Diese Homogenität erschrickt und so entsteht eine mystische, nicht greifbare Szene. Wie auch in Goldings Roman, scheint man förmlich zu fühlen, wie sich Zivilisation und gesellschaftskonformes Verhalten in Sekundenschnelle auflösen kann. Die Masse fordert immer wieder aufs Neue: „Feuer, Hütten, Fleisch. Feuer, Hütten, Fleisch.“ Willkommen in der Natur, wo nur deren Gesetz herrscht. Das Recht des Stärkeren und das Recht der Gruppe. Wer nicht für den Stamm ist, ist dagegen. Also ein Feind.
Als Folge werden die Kinder zunehmend zu Tieren. Sie jagen: Die blaue Mülltonne wird abgestochen. Sie symbolisiert ein Schwein. Nun ist auch die Frage beantwortet, warum die Tonne anfangs aufgespießt war: Ein aufgespießter Schweinekopf.
Sie morden: Aus dem Abfall werden Waffen geformt. Mehrere stechen nun mit diesen Waffen auf eine Spielerin ein. Der Rest der Gruppe schaut zu, legt sich nebeneinander hin. Der Boden ist mit Körpern bedeckt.
„Schhhhhhhhh“: Die Loopmaschine kommt nun wieder zum Einsatz. Das vertuschende Geräusch wird wiederholt und nach und nach fühlt man sich an das Wellenrauschen eines Meeres erinnert. Die Spieler drehen sich, und über diese Menschenwellen wird nun der Körper der erstochenen Spielerin auf das Meer hinaustransportiert.
Das Stück endet mit der spöttisch-provokanten Frage des Erzählers: „Na, habt ihr etwa Krieg gespielt?“ Doch nicht nur diese Frage stellt die Inszenierung. Der starke Auftakt der 47. Schultheaterwoche wirft auch Fragen auf, wie: Ist es besser, wenn man in schwierigen Zeiten einen Anführer hat und wo bergen sich in unserer Gesellschaftsstruktur Gefahren und wer entscheidet was und wer hat das Recht Entscheidungen zu treffen und wer verleiht wem dieses Recht und wer ist gut und wer ist böse und wer bin ich? Und?
Von Laila Hertenstein

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