»Wenn dir nichts einfällt, dann zieh‘ dich einfach aus«

82 likes und ein roter Mund
Blasse Gesichter, und rote Lippen gegen den Narzismus und Egoismus der modernen Gesellschaft.
Schwarz auf Weiß stehen die Tänzer*innen auf der Hinterbühne. Die Tänzerinnen in schwarzen Kleidern, der einzige Tänzer, hoch gewachsen im weißen Hemd und schwarzer Anzughose.
Dröhnende, flächige Goa-Musik im Ohr. Sie wird kraftvoller, lauter und… Aufbruch! Die Tanzenden kommen kraftvoll nach vorne gelaufen und leuchten mit dynamischen Bewegungen, mit einer handlichen LED-Lampe in den Händen, ihren Körper ab. Heute beleuchten sie sich selbst. Sie, diese jungen Abiturienten stellen sich und ihren Körper aus. Geben uns, dem Betrachtenden, mittels selbstverfasster Texte einen Einblick in ihr Verhalten in sozialen Netzwerken und in ihre innere heranwachsende Unsicherheit mit ihrem Körper, dem vorhandenen Schönheitsideal und dem Konkurrenzkampf im privaten Umfeld. Selbstkritisch und nahbar präsentieren sich die Darsteller*innen in einer rasenden Stillstandadaption für junge Tänzer*innen.
Ausgestattet mit nichts als einem Smartphone und ihrer eigenen Armlänge, investiert die Generation Selfie viel Zeit in die Selbstportraitierung. Es dauert lange bis dabei ein Foto entsteht, welches gefällt. Man findet sich darauf jedoch noch lange nicht schön, erst wenn die Selbstbestätigung der Follower auf den sozialen Netzwerken kommt, beginnt man es selbst zu glauben. „Schön ist man erst mit 82 likes“, fällt es aus dem roten Mund. Der durch die sozialen Netzwerke hervorgerufene Drang nach Aufmerksamkeit. Ein wichtiges und aktuelles Thema. Das steht außer Frage. Doch wie wird man der Bipolarität des Themas gerecht? Denn eigentlich ist es ja schon geil sich zu präsentieren, sich zu verzerren a lá Kim Kadeshian- Duckfaceselfie und dafür Bestätigung von der Masse zu bekommen. Eben dies lässt die Inszenierung nicht außer Acht. Auf der sprachlichen Ebene wird all dies sehr kritisch und selbstreflexiv beleuchtet. Auf der körperlichen, tänzerischen Ebene hingegen, ist zu sehen dass es schwer fällt sich all dem gänzlich zu entziehen. Wie auch im Nachgespräch deutlich wird, macht man eben selten, das was man sagt. Denn alle Tänzer*innen haben ein großes Talent sich und oder ihren Körper in diesem Tanztheaterstück zu präsentieren. Alle sind sie sportlich, gelenkig, selbstbewusst und gutaussehend. Eine perfekte Gruppe, um sich dem Thema tänzerisch zu nähern. Gearbeitet wurde mit den typischen physical Acting Elementen des Schwarms. Außerdem sieht man Soli und Duette, synchrone, kanonische/chorische Choreographien. Doch es funktioniert, da sie die Techniken nicht nur als ästhetisches Fundament verwenden, sondern jedem Bild eine Tiefe oder unerwartete Handlung mitgeben. So wird zum Beispiel der Pulk von Personen durch rhythmische Kopfdrehungen und eine enorm langsam aufsteigenden Tänzerin bildlich verstärkt. Es ist genau dieses Aufbauen auf dem vorhandenen Können der Beteiligten, welches stimmige und interessante Bilder schafft. Vor allem gelingt der Inszenierung ein angenehmer Spagat zwischen gesprochen-biografischen Sequenzen und abstrakten Bewegungschoreographien. Sie verliert nicht den roten Faden und bleibt dabei immer gefühlt nah an der Lebensrealität der Spielenden. Exemplarisch zeigt sich das beim Catwalk. Zu „I am too sexy for my shirt“ laufen die Tänzer*innen – Germanys Next Topmodel ironisierend – über den imaginären Laufsteg. Doch die Pose vorne soll nicht beweisen, wie sexy sie sind. Nein, nur wie stark. Es werden Muskeln und Sixpacks gezeigt und gegen einige Mädchen hätte ich beim Armdrücken auf jeden Fall verloren. Dabei wird sich lautstark beklatscht und angefeuert. Diese Szene kokettiert den Mädchentraum vom Modelleben, indem sie sich sympathisch unweiblich darstellen. Nur der männliche Tänzer, passt zu Beginn nicht ganz in diese Pro7 Primetime- Ästhetik. Als er nach einigem Zögern dann doch sein Hemd hebt um seinen durchtrainierten Bauch zu zeigen, bejubelt ihn die weibliche Masse so übertrieben, dass sein Kopf vor Röte schier platzt.
Das Scheitern an der Selbstperfektionierung zeigt sich in einem, zu Beginn makellosen, Walzer zwischen dem männlichen Tänzer und einer Tänzerin. Wirkt das Paar am Anfang wie das schönste Paar des Abiballeröffnungstanzes, wird der Tanz zur Farce, als sie plötzlich stolpert und fällt. Schließlich endet es in einem gegenseitigen Kräftemessen der Beiden, in welchem sie sich bis zur Erschöpfung gegeneinander stemmen und rangeln.
Das Innerste wird mit der mehrdeutigen Sprache des Tanzes nach außen gekehrt. Das Gesungene „Demons“ von Imagine Dragons hätte da, mit seiner textlichen Konkretheit deplatziert wirken können. Tut es jedoch mit Nichten, da es einen ästhetischen Bruch schafft, welcher eine zuvor nicht vorhandene emotionale Ebene in die Inszenierung einbringt. Wie jedoch Cohens „Halleluja“ den Weg in die Inszenierung gefunden hat, ist fraglich.
Die Inszenierung zeigt, dass eine klassische biografische Arbeit mit Jugendlichen, ästhetisch und bildgewaltig sein kann, wenn man nicht versucht, die Jugendlichen aus ihrer Comfortzone zu holen, sondern sich in ihre hineinbegibt.
Übernommen von: http://www.juthon.de/2017/06/01/82-likes-und-ein-roter-mund/
Von Mathias Müller

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