»Mein Haus, mein Auto, meine Frau Wir treffen uns am 3. Juni«

Abi 97, wie war das eigentlich nochmal?
Einlass, das Publikum wartet vor einer Bühne, die den Charme eines Jugendzentrums bietet. Ein runter gerockter Flügel darauf eine Boombox auf der linken Seite, in der Mitte bieten umgekehrte Wolterskisten Sitzmöglichkeiten und auf der rechten Seite eine Sitzecke mit einem Tower-PC, welcher nicht mehr Y2K sein könnte. Zwei Spieler*innen betreten den Saal über den Publikumseingang Spot an.
Die ersten Gäste des Jahrgangstreffens zum 20-jährigen Abiturbestehen sind da, doch aus ihrem zuerst herzlichen Smalltalk hört man schnell heraus, dass die Spannungen aus der Teeniezeit immer noch die Ehemaligen beschäftigen. Flashback. Auf der Bühne sind nun die verschiedenen Abiteams zu sehen, wie sie das Abibuch, den Abi-Gag-Tag und den Abiball vorbereiten, die Kostüme erinnern dabei sehr an etwas, was man als Turbo-90er-Ästhetik bezeichnen könnte: es wirkt als hätten die Spieler*innen versucht innerhalb von fünf Minuten sich aus ihrer Garderobe ein 90er-Partyoutfit zusammenzustellen und das mit viel Liebe zum Detail, komplett mit zentimeterdick aufgetragenem Lippenstift sowie Lidschatten und Cornrows oder dem Yuppiekragenhemd. Mit dieser Szene beginnt eine sehr stringente Erzählstruktur, die dem Publikum eine mit Pop-Kultur-Anekdoten gespickte Geschichte der Irrungen und Wirrungen der angehenden Abiturienten in der Zeit von Backstreet Boys und Scooter erzählt. Aufgrund der Gruppengröße finden die Szenen meist räumlich und zeitlich von einander getrennt in den drei Bereichen der Bühne statt, sodass die Spieler*innen entweder sich in ihren Szenen an dem vielen Text schauspielerisch abarbeiten oder im Freeze verharren, während eine andere Szene spielt. Die einzelnen Szenen sind sehr einfach gestaltet und stützen sich fast immer auf einen Text, welcher sehr an die Rhetorik hormongesteuerter Teenies in einer Bravo-Bildergeschichte erinnert, was zu lustigen Textpassagen führt, aber wiederum durch die Textlastigkeit dazu führt, dass sich die Spieler*innen viel Mühe geben müssen um die Energie durch das Stück durch zu tragen, was mal besser und mal weniger gut klappt und sie so zum Teil auf der Bühne verloren wirken. Eine schöne Erzählform wurde gefunden, indem das letzte Drittel des Stückes das tatsächliche Ehemaligentreffen behandelt und das Publikum eine Entwicklung der bis dahin sehr eindimensionalen Charaktere sehen kann. So bieten sich interessante Geschichten wie etwa die Entwicklung des stark nationalsozialistisch geprägten Teenies zur AfD-Abgeordneten. Ansätze wie diese machen das Stück interessant, da es den Bezug zur Realität und der Lebenswelt der Spieler*innen aufgreift, daher wäre es schön gewesen, wenn zu sehen gewesen wäre, dass solche Ansätze genauer verfolgt und ergründet worden wären, da Szene die ohne Spieler*innen-Bezug auskommen voraussehbar und eindimensional in einer Wand aus Texten ohne Aussage verlaufen, was wiederum an die eigentliche Nichtigkeit der Probleme des Heranwachsens erinnert.
Von Lenert Neuber

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