»Du hast die Wal! Was sollen wir thun?«

Gefühle unter der Kellerklappe
Es sieht düster aus: die Stimmung bereits vor Spielbeginn lässt erahnen, dass den Zuschauer kein ausgelassenes Szenario erwartet mit lauter glücklichen jungen Menschen, die ihre Unbeschwertheit vor dem Ernst des Lebens genießen. Stattdessen Schwarzlicht auf einer kahlen weißen Leinwand, davor einige Holzblöcke: Vorboten dahin, dass es gleich verdammt ernst wird: Stationen auf dem Weg ins Erwachsensein, die allesamt von Verzweiflung, Angst und Depression geprägt sind. Es beginnt mit dem Einmarsch aller Protagonisten, Schüler der 11. Klasse der CJD Braunschweig, die mit entschlossenem Schritt und finsteren Mienen die Bühne betreten. Sie tragen einheitliche Kleidung: ohne Schuhe, dunkle Hose, hellblaues Shirt mit Batikmuster. Eine Symbolik, die auf den Titel: „Du hast die Wal. Was sollen wir thun?“ anspielt: man muss mit dem Strom mitschwimmen, um etwas zu erreichen, um akzeptiert zu werden. Jeder spricht einen Satz aus, der ihr Leben beschreibt und die nicht zusammenhängend sind, doch das Fazit von allen gemeinsam macht deutlich: „Irgendwas hatte ich falsch gemacht!“ Dann rhythmische Rapmusik, jeder reiht sich ein und beginnt mit gezielten Armbewegungen, sich dem anderen anzupassen, „mitzuschwimmen“, um bei der Fischthematik des Titels zu bleiben. Plötzlich Dramatik: die Letzte in der Reihe bricht zusammen und bleibt am Boden liegen. Die Gruppe löst sich auf und findet sich in Cliquen zusammen: eine typische Schulhofszene; hier wird gelästert über die am Boden liegende, dort wird geknutscht, wieder andere stehen rauchend in der Ecke, natürlich vorbildlich ohne Glimmstängel. Doch der Fokus liegt nach wie vor bei der Bewusstlosen, die mittlerweile von zwei Mädels flankiert wird, die sich an ihrem Schicksal ergötzen. Sie machen Selfies mit einem nicht vorhandenen Smartphone, schneiden Grimassen und fühlen sich erhaben. Ein trauriger Anblick, aber scheinbar mittlerweile normaler Teenageralltag, geprägt von Hass, Gier, Desinteresse, Gleichgültigkeit, zumindest auf der „Gewinnerseite“. Die Verlierer sind die Außenseiter im Gefüge. Sie werden geschubst, bedrängt, beschimpft, bis sie buchstäblich am Boden liegen. Eine Szene wirkt besonders nach: eine Schülerin sitzt am Tisch und büffelt fieberhaft für die nächste Klausur. Sie lernt, ohne zu verstehen, was in den Büchern steht und fällt abwechselnd in den Schlaf oder in absolute Verzweiflung. Da tauchen plötzlich aus einer Bodenklappe nacheinander vier verschiedene Gestalten auf, die jeweils ein Gefühl dieser Schülerin pantomimisch symbolisieren: Angst, Stress, Ratlosigkeit und Selbstmordgedanken. Doch sie lässt nicht zu, dass diese Gefühle sie auffressen; sie schmeißt den Tisch um und schreit laut „NEIN!“. Daraufhin verschwinden alle Gefühle wieder in der Bodenklappe und es kehrt wieder Ruhe ein. Ein kleiner Hoffnungsschimmer in einer ansonsten depressiv wirkenden Umgebung.
Willkommen in unserer Wirklichkeit: das ist der Eindruck, den die jungen Schauspieler beim Publikum erwecken wollen. Mit Leidenschaft und Glaubwürdigkeit vermitteln sie die Gedanken- und Gefühlswelt einer Generation, die ihren Platz in einer leistungsorientierten, gefühlskalten Gesellschaft finden muss, ohne dabei selbst draufzugehen. An sich alles Dinge, die nichts Neues sind und jeder irgendwie kennt. Daher gibt diese Inszenierung, bei aller Spielfreude und guten Darstellungen, keine wirklich neuen Impulse zu diesem Thema. Der Sprung vom Schulleben ins Erwachsenenalter mit seinen Schwierigkeiten, so wie es die Stückbeschreibung hergibt, ist an einigen Punkten stecken geblieben. Meist hangelt die Inszenierung von einem stereotypischen Teenagerproblem zum nächsten, ohne reflektierter darauf einzugehen, was wirklich in jemandem vorgeht, der am Scheideweg steht, die Kindheit hinter sich zu lassen, aber trotzdem noch nicht auf der Straße zum Erwachsenwerden angekommen ist. Nur ganz am Ende werden von fünf Darstellern auf den anfangs erwähnten Holzblöcken stehend, Sorgen ausgesprochen, die die Zukunft betreffen: „Was, wenn ich nichts erreiche?“, „Was, wenn ich keinen Job finde?“ Dies wirkt jedoch sehr eingeschoben, so als ob den Schülern urplötzlich eingefallen ist, dass sie ja noch etwas über Zukunftsängste zu sagen haben. Dann eine Referenz an den Titel, denn man erfährt: „Wale haben es gut. Wale haben keine Zukunftsängste.“ Plötzlich sind alle wieder fröhlich und tanzen gemeinsam in Wellenbewegungen zu Musik von Snoop Dogg. In der anschließenden Publikumsdiskussion folgt die Erklärung dazu: man wollte die ernste und depressive Grundstimmung des Ganzen letztendlich auflockern und Hoffnung geben, deshalb entschied man sich für die Symbolik des Wals, um sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen, denn man hat ja die Wal! Zwinker, Zwinker! Dem Publikum konnte man dies nicht vermitteln, weil die düstere Stimmung über allem schwebte, letztlich auch im positiv gemeinten Abschlussbild. Was nimmt der Zuschauer mit aus der Inszenierung? Originalton Publikumsdiskussion: „Wir wussten nicht, dass es so schlimm ist!“
Von Carolin Orthofer

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