»Du hast die Wal! Was sollen wir thun?«

Gestresste Thunfische
Schon beim Eintippen des Titels „Du hast die Wal! Was sollen wir thun?“ in den Computer tauchen die berühmt berüchtigten roten Unterstreichungen auf. Es ist doch ganz klar, wenn Wal ohne h geschrieben wird, dann ist es der Wal und nicht die Wal und das Wort tun in der Frage „Was sollen wir tun?“ wird ganz sicher ohne h geschrieben und hat nichts gemein mit dem Thunfisch aus der Dose – so meint zumindest Word, nicht aber der Prüfungskurs Darstellendes Spiel des 11. Jahrgangs vom CJD Braunschweig.
Es ist viel zu warm am Montagabend der Schultheaterwoche 2017 in Braunschweig. Und doch versammeln sich Eltern, Geschwister, Lehrer und andere Theaterinteressierte um 18 Uhr im Haus Drei des Staatstheaters. Zu sehen gibt es „Du hast die Wal! Was sollen wir thun?“ Meine ersten Assoziationen, es gehe auf jeden Fall um Fische, werden beim Betreten des Zuschauerraumes bestätigt. Im hinteren Teil der Bühne stehen drei gleich große Pappquader und der Raum wird mit blauem Licht beleuchtet – okay, wir befinden uns wohl unter Wasser und gleich kommen die Fische.
Natürlich handelt es sich bei den Darstellerinnen und Darstellern nicht wirklich um Fische, sondern die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Prüfungskurses Darstellendes Spiel betreten in der ersten Szene die Bühne. Alle tragen dunkle Hosen und gebatikte, blaue Shirts. (Mein Assoziationshirn ruft leise: „Also doch was mit Wasser und Fischen!“) Manche von ihnen tragen einen Pappwürfel in den Händen, stellen ihn vor sich ab und setzen oder stellen sich darauf, andere sitzen oder stehen so auf dem Bühnenboden. Einzelne beginnen nacheinander Statements zu formulieren während die anderen Darstellerinnen und Darsteller im freeze in ihren Positionen bleiben. Die Formulierungen beinhalten verschiedene Themen. Themen, die die Jugendlichen tagtäglich beschäftigen oder über die sie schon einmal nachgedacht haben: Beziehungen zu Mitmenschen, Hobbies, Frust, Angst („Als ich die Klausur sah, war ich wie gelähmt“), Trennung der Eltern, Verletzungen, die erste große Liebe („Sie war ganz anders als die anderen Mädchen“), peinliche Situationen oder sogar Nahtod-Erfahrungen („Ich war solange unter Wasser, dass ich dachte, das ist jetzt das Ende“). Und es geht weiter mit Ängsten und unangenehmen Situationen, in denen sich die Jugendlichen in ihrem Alltag ab und zu befinden. Die Szenen einer Party, bei der es ein Mädchen mit dem Alkohol wohl maßlos übertrieben hat und auf dem Boden liegt, veranlasst die anderen Partybesucher dazu, hemmungslos Selfies mit dem Mädchen zu machen und über sie zu lachen. Die Darstellung verläuft überwiegend non-verbal und in Form von Standbildern und in meinem Kopf machen sich sofort die Gedanken breit, wie wichtig es Jugendlichen doch immer wieder ist, was andere von ihnen in bestimmten Situationen denken. Was passiert denn, wenn ich mich auf einer Party so richtig abschieße und dann kotzen muss? Bin ich dann bis zum Abitur gezeichnet und wird mir mein „Aussetzer“ jeden Tag vorgehalten? Kann ich mich nicht einfach mal gehen lassen? Es werden doch sowieso Gerüchte breit, die mit der Realität nichts zu tun haben. Das zeigen auch die Darstellerinnen und Darsteller in einer weiteren Szene: wie eine anfängliche Geschichte sich durch Weitererzählen immer weiter verfälscht und die Marie, die am Anfang lediglich im Schwimmbad war, am Ende der Erzählungen schwanger ist. Auch Mobbing ist ein Thema, das die Jugendlichen aufgreifen. Das Beleidigen, Schubsen und Bedrängen eines Einzelnen ist dabei eine dargestellte Szenerie.

Ich bin inzwischen an einem Punkt, an dem ich mal wieder lachen muss, Gänsehaut brauche und mich freuen will über das, was da auf der Bühne passiert. Ich möchte die Jugendlichen tanzen und singen sehen und nicht nur von ihren Ängsten hören. Nur leider hört mich die Regie nicht - und es geht weiter mit dem Thema Depression und Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Selbsthilfegruppe. Und auch der Thunfisch wird thematisiert. Das Wort thun kommt wohl aus dem Lateinischen und bedeutet übersetzt „ich eile, ich stürme“. Wie jetzt? Fühlt ihr euch wirklich so unter Druck gesetzt? Sind das Themen, die euch ausschließlich beschäftigen? Sich wie der Thunfisch mit allem zu beeilen, nur darüber nachzudenken, was andere sich für ein Bild von euch machen? Schade denke ich. Aber die Jugendlichen rütteln mich mit ihrer letzten Szene wach. Sie rufen „Wir sind am besten alle Wale, denn Wale haben keine Zukunftsprobleme und Wale haben keine Geldprobleme!“
Im Großen und Ganzen war ich erstaunt, wie negativ der Großteil der Szenen dieser Inszenierung belastet war. Denkt die „Jugend“ wirklich so negativ und fühlen sie sich so eingeengt von den gesellschaftlichen Verpflichtungen und dem allgemeinen G8-Studier-bitte-in-der-Regelstudienzeit-und-weiß-am-besten-schon-mit-17-was-du-die-nächsten-50-Jahre-arbeiten-willst-Druck, der auf ihren Schultern lastet?
Wale sind schöne Tiere. Tiere, die eben keinen Druck seitens der Gesellschaft spüren. Mir gefiel das Bild sehr, mit dem die Jugendlichen gespielt haben; einerseits ein Wal sein zu wollen, andererseits sich aber auch im eigenen, teils durchorganisierten Leben zurecht zu finden und sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. Dennoch hätte ich ein wenig mehr Optimismus und positive Gefühle innerhalb der Inszenierung gebraucht.
Von Sophie Bothe

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