»wir wollen die ganze Zeit«

Graue Damen und ein Haufen Zahlen
Beim Betreten der Aula fällt sofort eine weiße, etwa 3×3 Meter große Projektionsfläche auf, welche am hinteren Ende des Zuschauerraums parallel zur Szenenfläche steht. Bühne und Leinwand sind über eine Art Laufsteg, wie man ihn aus Germany’s next Topmodel, Mailänder Modeschauen und co. kennt, miteinander verbunden.
Die auf die weiße Fläche projizierte, große Uhr steht zu Beginn noch still. Alles was aus diesem recht vielversprechenden Bild etwas unpassend heraussticht, ist die an den hinteren Bühnenrand angelehnte Leinwand, welche mit Graffiti besprühten Wänden bemalt ist. Bis auf zwei kniehohe Holzkisten die rechts und links an der Rampe stehen, ist die Bühne sonst leer.
Der Titel „wir wollen die ganze Zeit“ und die erwähnte Uhr lassen darauf schließen, das Spielende und Zuschauende sich den Vormittag über gemeinsam mit dem Thema „Zeit“ beschäftigen werden. Und welche Geschichte würde sich hierfür besser eignen, als die des jungen Mädchens Momo, das sich furchtlos den Grauen Herren entgegenstellt um die Zeit der Menschen zu retten? Keine, dachte sich auch Frau Lenz, die Leiterin der Theater-AG des Gaußschule-Gymnasiums Braunschweig und entschied sich die allseits bekannte Geschichte als Grundlage für ihre Arbeit zu verwenden.
Ein großes Vorhaben, da man nicht zwangsläufig Pädagoge sein muss um zu erkennen, dass das Anleiten einer 28-köpfigen Gruppe als alleinige Spielleiterin keine leichte Angelegenheit ist. Insbesondere dann, wenn sich diese 28 Schüler aus einem bunten Mix von Acht- bis Zwölftklässlern zusammensetzt. Wie also arbeitet man mit einer solchen Gruppe, von der ein Großteil der Teilnehmer währende der Probenzeit auch noch schnurstracks aufs Abitur zurast?
„Ein Großteil der kreativen Ideen ist auf Exkursion im Harzheim entstanden.“, berichtet eine der Abiturientinnen. Das ist erfreulich, weil es nicht nur bedeutet, dass sich auch außerhalb des AG-Kontextes mit dem Thema beschäftigt wurde, sondern auch, dass es sich bei „wir wollen die ganze Zeit“ nicht um ein reines Regiestück handelt, was bis zum Nachgespräch mit der Gruppe nicht ganz auszuschließen ist.
Die theatrale Umsetzung des „selbstverfasste[n] Theaterstück[s] sehr frei nach ‚Momo‘.“, baut im Wesentlichen auf der Unterteilung der Spielenden in zwei Gruppen auf. Den einen Teil bilden die jüngeren Darstellenden, welche die – im wahrsten Sinne des Wortes – bunte Masse vertreten, die in rosa bis orange-rote Alltagskleidung gehüllt, jene Menschen repräsentieren, denen im Laufe der Inszenierung die Zeit gestohlen werden wird. Und von wem? Na, den Grauen Herren natürlich! Wobei es sich in diesem Fall wohl eher um Graue Damen handelt, da sich dieser Teil der Spielenden, bis auf zwei Ausnahmen, ausschließlich aus Abiturientinnen zusammensetzt. Außer den beiden jungen Herren, welche diese Ausnahme bilden, tragen alle ein schwarzes Kleid. Die zwei Jungs dem entsprechend schwarze Hemden und Anzüge. Alle mit weißen Gesichtern, dunklen Lippen und streng zurückgegelten oder -gebundenen Haaren.
Sowohl die jüngere, als auch die ältere Gruppe arbeiten hauptsächlich mit chorischen, aber Teils auch mit Einzeltexten und -choreographien, die bei den pinken Mädels durch einstudierte Klatschspiele und ausgelassene Raumläufe in hohem Tempo an die ausgelassene Atmosphäre eines Schulhofs erinnern. Mit der Spielweise der Grauen Damen hingegen, ist eher dieser eine Lehrer zu assoziieren, der immer mit hinter dem Rücken verschränkten Armen durch die Pausenhalle läuft und trotz seines aufgesetzten Lächelns eine ungeheure Antipathie verbreitet. Die beiden Jungen stechen aus diesem Muster heraus. Einer von ihnen strahlt, passend zu seiner Rolle als augenscheinlicher Leiter der „Zeitsparkasse“ die kalte Selbstsicherheit eines Bankdirektors aus. Der andere wirkt, während er seine weiblichen Kolleginnen wie ein Chorleiter dirigiert oder um sie herum tanzt und wirbelt, ein wenig wie Heath Ledgers Joker aus „The Dark Knight“.
Für ihn und auch alle anderen gilt: Es gibt einen ganzen Haufen Text.
Jeder der Darstellenden ist mit einer großen Menge an auswendig zu lernenden Textzeilen und einem noch größeren Berg an bis zu 10-stelligen Sekunden-, Minuten-, oder Stundenzahlen beladen, die sie mit Bravour und sichtlicher Spielfreude vortragen. Fragwürdig ist allerdings, ob etwas weniger Fremdtext nicht doch zuträglich gewesen wäre. In Zeiten von allgegenwärtigem Erreichbarkeitszwang, zu langen Schultagen und wenig Freizeit wäre es sicherlich auch möglich gewesen, aus den vielen Möglichkeiten der Theaterpädagogik zu schöpfen und die Alltagssorgen der Schüler*innen stückbezogen mit ein zu binden. Die vielen Zahlen, mit denen sie wie wild um sich werfen, verleihen der Inszenierung zwar an der einen oder anderen Stelle eine gewisse Komik, welche jedoch nicht bis zum Ende spürbar ist und diesen Regieeinfall somit in Frage stellt. Die anfangs so vielversprechende Bühnenerweiterung, die in Form eines Laufstegs quer durch das Publikum führt, wird nur selten genutzt. Dies ist wirklich bedauerlich, da die wenigen Momente in welchen sich die Darstellenden auf den Steg begeben und entweder als aufgewühlter Pulk wild gestikulieren und schreien, oder aber den Kontakt zum Publikum suchend ruhig und synchron an ihren imaginären Zigarren ziehen, zu den stärksten des Vormittags gehören.
„wir wollen die ganze Zeit“ ist ein, mit schönen Regieideen gespicktes Stück, das zeigt wie man mit einer unglaublichen Gruppengröße von 28 Teilnehmern*innen eine Inszenierung auf die Bühne bringt, von der jeder Angeleitete hinterher stolz sagen kann, dass er seinen Teil zum großen Ganzen beigetragen hat. Die Fragen: „Warum gerade ,Momo‘?“ und „Was beschäftigt die Darstellenden an der verhandelten Thematik?“, bleiben jedoch bis zum Schluss ungeklärt.
Übernommen aus: http://www.juthon.de/2017/06/08/graue-damen-und-ein-haufen-zahlen/#more-449
Von Jannick Stühff

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