»(Ver-)Träumt«

Hey, das ist doch meine Safttüte!
Auf dem Bühnenboden winden und schlängeln sich Körper, Hände und Arme sind in die Höhe gestreckt, als wollen sie nach etwas greifen, aus den verzerrten Mündern dringen zischende und schmatzende Laute. Die ganze Szenerie ist in ein rotes Licht getaucht und wirkt bedrohlich. „Hol dir doch deine Safttüte“, brüllt ein Mädchen. Sie steht triumphierend am Rand dieser wabernden Masse und hält ein zerquetschtes Tetrapack in die Höhe. Ein anderes Mädchen versucht vergeblich, durch das greifende Menschenknäuel hindurch zu kommen, um an ihre Trinktüte zu gelangen.
DING DONG! Ein Schulgong erklingt. Dieses so vertraute Geräusch lässt sofort an geisttötende Mathestunden, überfüllte Klassenzimmer, festgeklebte Kaugummis unter Stühlen, Rechtschreibfehler, Anagramme, Erläuterungen, Prüfungsvorbereitungen und übertrieben motivierte Lehrkräfte erinnern, die für sich selber vor der Tafel ein ziemlich witzloses Solo-Stück performen.
Und tatsächlich, die Befürchtungen werden wahr. Der gerade noch gefährlich grapschende Klumpen auf der Erde sitzt nun ganz brav als Schüler auf weißen Hockern, die sie sich rasch auf die Bühne gestellt haben. Die gewöhnlichen Alltagsklamotten der Darsteller verstärken den Eindruck einer Schulklasse. Laute Discomusik geht an. Eine Choreographie beginnt, die den eintönigen Schulalltag darstellen soll. Mit ausdruckslosen, fast toten Gesichtern wird im Takt zur Musik abwechselnd auf unsichtbares Papier geschrieben, nicht existierende Stifte gespitzt, der Zeigefinger fährt nach oben, um sich zu melden, und zum Ende sinkt der Kopf auf die Brust. Ein lautes Schnarchen erfüllt das Kleine Haus des Staatstheaters.
Die Theater AG des 8. Jahrgangs des Ricarda-Huch Gymnasiums entführt uns in unterschiedliche Traumwelten, in die sie sich flüchten, wenn ihr grauer und trister Schulalltag mal wieder die Oberhand gewinnt.
Doch es stellt sich die Frage: Was genau ist die Aussage des Stückes? Ist der Unterricht in der Schule wirklich so langweilig, dass Schüler nur noch einschlafen können, um davor zu fliehen? Wenn ja, ist das unglaublich und bedarf eines großen Aufschreis, einer Rebellion gegen die Schulpolitik. Doch diese Auflehnung, diese Empörung sehen wir in dieser Inszenierung nicht. Dafür erleben wir Träumereien und Sehnsüchte: Wir reisen zum Beispiel mit nach New York zu einer Dancing Competition, bei der zwei blonde „Dancing Barbies“ in rosa Tutus eine grandiose Ballettshow bieten. Und auch traumatische Phantasiegebilde kommen nicht zu kurz. Noch beim Verlassen des Theatersaals klingen die entsetzlichen Schreie von immer näher kriechenden Schülern in den Ohren, die immer lauter werdend kreischen: Du musst heute sterben! Du musst heute sterben! Ein wirklich träumerisch entrückter Abend.
Von Hanna Lindner

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