»Wenn dir nichts einfällt, dann zieh‘ dich einfach aus«

Ich möchte nicht aussehen wie ein unterernährtes Grillhähnchen!
Ein Tropfen und ein seltsames Klacken, wie wenn Stahlrohre an einander schlagen, klingt durch das Kleine Haus vom Staatstheater in Braunschweig und gibt einem das Gefühl, man befände sich in einem Kanalisationssystems in einer Riesenmetropole.
In einer Reihe stehen die Schüler des 12. Jahrgangs im Halbdunkeln an der hinteren Wand der Bühne. Diese ganz in schwarz gekleideten, schemenhaften Figuren wirken bedrohlich, wie sie so regungslos da stehen und ins Publikum starren. Eine Energie strömt von ihnen aus und lässt einem die Haare zu Berge stehen.
Ohne Vorwarnung rennen sie schlagartig nach vorne an die Bühnenkante. Sie stoppen gerade noch rechtzeitig, sodass sie nicht das Publikum überrennen, was man von diesen so entschlossen und kraftstrotzend blickenden Jugendlichen fast zutrauen würde.
Doch der Zuschauer bleibt noch einmal verschont. Stattdessen geht das Licht einer Taschenlampe an, die jeder in seiner rechten Hand hält und bis jetzt gar nicht aufgefallen war. Mit der grellweißen Lichtkugel beginnen sie ihren Körper zu betrachten. Sie bewundern ihre Hände, Hüften und sogar die nackten Fußsohlen werden begutachtet. Und sie stellen fest: So hässlich bist du gar nicht und meinen damit zweifellos sich selber.
Eine kraftvolle Tanzinszenierung beginnt, in der es um Narzissmus geht, um das sich Durchsetzen und Absetzen von Anderen und um die Wahrnehmung von sich selber.
Es fallen Sätze wie „Ich möchte nicht aussehen wie ein unterernährtes Grillhähnchen“ oder „Braucht es dich noch?“, das letztere selbstverständlich zu den anderen gerichtet.
Immer wieder zeigen die Zwölftklässler eine beträchtliche Ballung an Energie, die sie unter anderem mit lauten Hu's und Ha's frei lassen und mit einer dazu passenden Kampfchoreographie die Bühne in ein japanisches Dojo verwandeln.
Doch noch verständlicher wäre die Inszenierung gewesen, wenn die Darsteller zu jeder Tanzbewegung genau gewusst hätten, warum sie genau diese Geste ausführen und keine andere. So schien es an manchen Stellen, als wären es einfach nur ästhetisch schön anzuschauende Tanzchoreographien ohne Bedeutung. Ein Beispiel: Die Gruppe schaut gemeinsam nach rechts und dann nach links, weil es ein Teil der Performance ist. Das sieht toll aus, aber warum tun sie das? Es gibt keinen ersichtlichen Grund, warum sie in diese Richtungen schauen sollten. Interessant wäre es gewesen, sie würden zum Beispiel zur Seite blicken, um zu kontrollieren, ob sie von jemandem beobachtet werden, wie formvollendet, herrlich und unübertroffen schön sie tanzen. So hätte man die ausdrucksstarke Bewegung auf der einen Seite und gleichzeitig das Thema der Inszenierung weiterhin präsent.
Aber auch so bleibt ein überzeugender, gut choreographierter Tanztheaterabend, der das Thema Narzissmus gekonnt in berührende Bildwelten verwandelt.
Von Hanna Lindner

Kommentieren

Die Kommentar-Funktion wurde wegen Spam-Missbrauch deaktiviert.

Fotos zu den Stücken

Sie haben ein Foto zu »Ihrem« Stück? Wir fügen es gerne der Beschreibung hinzu! Bitte schicken Sie es an .

Mehr Termine...

Schultheaterkalender ...finden Sie auf dem Schultheater- kalender. Spielleiter können dort weitere Aufführungstermine unkompliziert bekannt machen!

Archiv