»Feelings«

Im Hin und Her der jugendlichen Innenwelten
Umzugskartons mit Aufschriften wie „Zweifel“, „Misstrauen“ und „Erwartung“ zieren die linke Seite der Bühne im Kleinen Haus des Staatstheater Braunschweig, während „Spaß“, „Freiheit“ und „Träume“ die Vorderseiten der Kartonkisten der rechten Bühnenseite dominieren.
Die Darsteller und Darstellerinnen des 11.,12. und 13. Jahrgangs des Darstellenden Spiels der Wilhelm-Bracke-Gesamtschule Braunschweig erscheinen auf der Fläche in einem Kostüm aus Straßenkleidung und Sportschuhen, die auf den ersten Augenschein die Erwartung auf ein Tanztheaterstück irritieren. Manche von ihnen tragen Kopfhörer und scheinen anderer Musik zu lauschen, als die, die vom Publikum wahrgenommen wird. Die Jungs und Mädchen positionieren sich auf der Szenefläche stehend, sitzend oder in Körperhaltungen, die durch verschränkte Arme auf ihre innere Haltung zu einem bestimmten Thema schließen lassen.

Es geht um „feelings“. Das Tanztheater-Projekt soll die Gefühlswelt von Jugendlichen aufgreifen und in Bewegungssprache ausdrücken. Wer einmal die Arbeitsweise der Choreographin Sylvia Heyden von der Bühnentanzschule T.A.N.Z kennengelernt hat, weiß, dass sie ihren Sinn für die feinstofflichen Begegnungen von Emotion und Körper hervorragend einsetzt, um ihre Schüler und Schülerinnen darin zu unterstützen, ihre natürlichen Bewegungen in die eigene tänzerische Ausdrucksfähigkeit zu übersetzen. Wenn die privilegierten Menschen aus der westlichen Welt an die unzähligen Möglichkeiten innerhalb unserer Leben denken, haben sie es manchmal mit Ängsten, Zweifeln, Erwartungen anderer und vor allem aber auch mit Träumen zu tun.

Wie ist es einem Menschen, der kurz vor dem Abitur steht, möglich die Träume zu erreichen, sie durchzusetzen, selbst wenn es viele Gegenstimmen und Zweifel gibt und vor allem:
„Woher weiß ich, was ich persönlich will, wenn es so viele Einflüsse gibt?“

Ein Mädchen sticht aus der Menge der Performer/innen heraus. Sie trägt Ohrbedeckende Kopfhörer und scheint über ihr portables Musikspielgerät die Kontrolle über die Klangkulisse zu haben, indem sie die musikalische Atmosphäre abermals per Klick verändert. Die Darsteller/innen nehmen verschiedene Shapes ein, die kongruent zu den konstant präsenten emotionsbelagerten Wörtern der Kartons sind. Die einen stehen aufrecht und mit beiden Füßen am Boden, die anderen sitzen mit schmerzverzerrtem Blick am Boden, während andere ihren Kopf im Schoß vergraben oder ihr Gesicht mit ihren Händen abschirmen. Jeder von ihnen transformiert Gefühle, die verbalisiert werden können über ihre dazu passende Körpersprache.

Immer wieder finden sich Teile der Gruppe in zwei großen oder kleineren Formationen zusammen, um ihre Position zu einem Gefühl oder einer Haltung gegenüber einem Thema einzunehmen. Die Gruppenchoreografien erzeugen ein Bild von Masse und Gesellschaft – das Bild der vermeintlichen „Norm“ eröffnet sich. Zwei immer wieder unterschiedliche Spieler/innen stellen sich jeweils im vorderen Teil der Bühne vor ein Mikrophon und beziehen textlich Stellung zu Lebensgefühlen, Hoffnungen und Verwirrungen ihrer zierlichen Biografien, in denen noch ein Meer von Möglichkeiten schlummert.

Sie wollen das Leben spüren, Emotionen zeigen, gerecht behandelt werden und ihre Träume „als Hoffnung an eiskalten Tagen“ betrachten. Über die individuelle Ausdrucksqualität, die jeder Körper mit sich bringt gelingt es den Schüler/innen, ihre persönliche Gefühlslage zu untermalen, sich körperlich in der Gruppe darzustellen, in Soli zu behaupten und tänzerisch ihre Innenwelt dem Publikum zu präsentieren. Sprache ist begrenzt – da, wo das Verbale das Endliche findet, beginnen die unendlichen Impulse des Körpers sich auszuquetschen, sich frei zu tanzen, sich spielerisch an einer Emotion abzuarbeiten und vor allem sich zu fühlen. Vielleicht und hoffentlich finden die Schüler/innen auch nach der Produktion den Zugang zu ihrem Körperausdruck und der Schönheit ihrer innerlichen Weiten.
Von Kathrin Bonhardt

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