»Mensch! Das sind Probleme!«

Leben in der Up-to-date-Welt
Nachrichten, News, Themen des Tages, Benachrichtigungen, Live-Ticker, Online-Update. *Pling* - macht dein Handy. Wieder eine Nachricht, die sich rund um die Welt verbreitet. „Der G7-Gipfel war eine große Panne“. „Wieder sterben tausende Flüchtlinge im Mittelmeer“. Ein Fluss an Informationen. Ständig, überall umgeben von Mitteilungen, Interviews und Meldungen. Man kann sich diesem Fluss nicht mehr entziehen.
Sich nicht mehr entziehen können. So geht es auch uns Zuschauern beim Betreten des Kleinen Hauses im Staatstheater am Dienstagabend bei der Schultheaterwoche 2017. 83 Tänzerinnen und Tänzer des Darstellendes Spiel Kurses vom Philip Melanchthon Gymnasium Meine sitzen im Schneidersitz auf der Bühne. Wir können uns diesem gewaltigen Bild von über 80 Menschen auf der Bühne nicht entziehen. Die Schülerinnen und Schüler des 10. Jahrgangs tragen alle schwarze Kleidung, schauen uns teilweise an, unterhalten sich, lachen, sind aufgeregt. Schon bevor das Stück beginnt, herrscht hier eine beeindruckende Geräuschkulisse. Dann – Bühnenlicht, es geht los. Mit Flüstern. Flüstern, das immer lauter und schneller und dann gestoppt wird von der Titelmusik der Tagesschau: Meldungen des Tages. Stichworte, die im Kopf hängen bleiben sind Anschlag, Flucht, Tote. Bedrückende Stimmung bei uns allen, aber nur kurz, denn in der schnelllebigen, hochmodernisierten Welt kommt auch gleich schon die nächste Meldung herein. Das verliebte Mädchen erhält endlich eine Antwort von ihrem Schwarm. Auf die Nachricht „Hey!“ antwortet er „Hi!“ und sie schwebt nun vollends auf Wolke Sieben. Andere befragen schnell noch mal Siri, worin Palmöl enthalten ist. Vielleicht ist in Zukunft der neueste Ernährungstrend der Verzicht auf Palmöl. Aber ist der Verzicht denn immer eine gute Lösung? Ist es nicht ein Mehr, das wir brauchen? So rufen es auch die 83 Darstellerinnen und Darsteller laut aus: „Wir wollen mehr, mehr, mehr!“ Mehr Schokolade, mehr Klamotten, mehr Smartphones, mehr Flüchtlinge? „Diese Flüchtlinge, die nehmen uns alles, vor allem unser Geld“, so ein Zitat der Aufführung und ein Satz, den man vor allem aus den östlichen Regionen des Landes immer wieder in den Nachrichten zu hören bekam. Aber was haben „diese Flüchtlinge“ denn schon alles durchleben müssen? Das Bild eines großen Pulks, in dem die Schülerinnen und Schüler stehen und wellenartige Bewegungen mit den Armen machen, wirkt stark. Ein starkes Meer. Ein Meer, in dem viele „dieser Flüchtlinge“ gestorben sind. Gestorben vor Angst, gestorben im Kampf ums nackte Überleben. Eine Darstellerin wird vom Pulk verschluckt, geht in ihm unter und ruft bei uns Zuschauern die Bilder in den Kopf zurück, die im Sommer 2015 wochenlang in den Medien kursierten. Ergänzt wird diese Thematik, in dem sich die Darstellerinnen und Darsteller als eine große Mauer formieren und chorisch sprechen: „Hier kommt keiner rein.“ Das wirkt bei der großen Anzahl an Sprechern durchaus beeindruckend und lässt es einem kalt den Rücken runterlaufen. Aus Angst vor Unbekanntem ziehen Menschen Mauern. Unsere eigenen Ängste – das ist auch für die Jugendlichen ein nennenswertes Element. Wovor haben die Einzelnen Angst? Vor Donald Trump? vor sich selbst? vor Gewalt? vor Terrorismus? davor die Kontrolle zu verlieren? Die Message der Schülerinnen und Schüler lautet „[we’re] only human after all“, ein Song, der in den letzten Monaten die Charts stürmte und zu dem sich die Jugendlichen nun frei tanzen. Sich frei machen ist auch ein Bedürfnis, das die Darstellerinnen und Darsteller in den Fokus ihrer Betrachtungen rücken. Jugendlichen, die sich „frei machen“, werden Steine in den Weg geräumt. Ihnen werden in der Inszenierung stereotypische und klischeehafte Ansichten aufgezwungen: man ermahnt beispielsweise die Jungs, die Ballett tanzen dazu, sie sollten lieber Liegestützen trainieren. Zwei Mädchen, die sich ineinander verliebt haben, werden daran erinnert, sie sollten doch lieber Jungs knutschen. Dem Mädchen, das lieber weite Hemden und kurze Haare trägt, wird ein türkisches Rüschenkleid ausgehändigt. Ein Aufruf „Lasst mich machen, was ich will, und lasst mich lieben, wen ich will“ löst diese Situation gekonnt auf. Das Endbild der Inszenierung ist eine Maschine. Eng verzahnt stehen die Schülerinnen und Schüler in mehreren Reihen hintereinander auf der Bühne. Immer wieder werden Plastikeimer durch die Reihen hindurch gegeben. Ein Arbeitsprozess, bei dem kein Teil der Maschine ausfallen darf. Durch getaktete und modernisierte Arbeitsprozesse, die Ausbrüche nicht zulassen. Doch wir Menschen müssen ab und zu aus unseren alltäglichen Mustern ausbrechen, uns „frei machen“ von ständigen News und Neuerungen in der heutigen Up-to-date-Welt.
Die Darstellerinnen und Darsteller greifen viele Themen auf, sodass ein wenig der Eindruck entsteht, sie hätten sich nicht entscheiden können, was ihnen nun wichtig ist. Es besteht der Anschein, als beschäftige diese jungen Köpfe ganz schön Vieles und ihnen gelingt es in Zeiten des Smartphones, in denen man alle zwei Minuten mit einer neuen Meldung konfrontiert ist, nur schwer sich den eigenen Belangen zuzuwenden. Am liebsten macht man alles, sofort, immer. Und genau das setzen die Jugendlichen mit Bravour um. Die Themen sind die Thematik in der Thematik. Wir thematisieren die heutige Zeit, die von Schnelllebigkeit, moderner Technik und ständiger Erreichbarkeit geprägt ist und inszenieren eben auch genauso schnelllebig und kurz angebunden.
Von Sophie Bothe

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