»Westkreuz«

Postmodernes Theater
Die Aufführung von "Westkreuz" sticht eindeutig aus dem Programm der 48. Braunschweiger Schultheaterwoche hervor. Das liegt an vornehmlich zwei Dingen. Zum einen die inhaltliche Anlage des Stückes. "Westkreuz" durchkreuzt geradezu jeden Versuch einer eindeutigen Sinnzuweisung. Zu viele Themen werden berührt, zu viele Handlungssequenzen aus dem Leben Jugendlicher werden präsentiert, zu divergent erscheinen die Figuren. Und doch gibt es mal zarte, mal heftige, mal schmerzhafte Berührungen Verstrickungen der einzelnen Schicksale. Von Mobbing, Diskriminierung, Selbstmordgedanken, Schwärmereien, versagter Liebe, Drogen und Sinnsuche berichtet das Stück. Dabei scheinen die Grenzen von Zeit und Ort keine Rolle zu spielen, sodass das Stück durchaus zur postmodernen Theaterform zu zählen ist. Hierin liegt sicher auch die Möglichkeit, mit Westkreuz "überkreuz" zu liegen, denn das bloße Zeigen von Problemen, ohne eine Position zu beziehen, bleibt doch recht oberflächlich. Vielleicht ist das thematische Ausweichen oder vielmehr nur Antippen von gesellschaftlichen und jungendspezifischen (Tabu-)Themen ja gerade der Kniff dieses Stückes, denn es erlaubt den Darstellerinnen und Darstellern, aber vor allem auch den Zuschauenden, sich ganz auf das Spiel zu konzentrieren. Damit kommen wir zum zweiten Punkt, warum "Westkreuz" sich von anderen Beiträgen abhebt: Die Schauspielerinnen und Schauspieler! Das gesamte Ensemble überzeugt nicht nur durch eine beeindruckende Bühnenpräsenz und Sicherheit in der Bühnennutzung, sondern begeisterte durch den Mut der Akteurinnen und Akteure im Spiel, welche sich fast alles trauten. Von anspruchsvollen Dialogen über komplexe Kommunikation, von Tanzchoreographien über Gesang, von körperlicher Auseinandersetzung über körperliche Zuwendung boten die Schülerinnen und Schüler eine unglaubliche Bandbreite ihres spielerischen Könnens - und das auf höchstem Niveau. Die Intensität, mit der die Figuren mittels Stimme, Gestik und Verhalten inszeniert wurden, war beeindruckend. Ebenso das insgesamt körperlich betonte Spiel. Die passgenauen Übergänge, zwischen einzelnen Sequenzen, welche mit scheinbarer Leichtigkeit gestaltet wurden, stellte die Arbeit der Gruppe auch an Details unter Beweis, welche sie über ein knappes Jahr in das Stück investiert hatte. Das Ensemble zeigte sich als perfekt eingespieltes Team, welches jederzeit professionell miteinander agierte. So steht am Ende eigentlich nicht das Stück im Vordergrund, sondern die Gruppe der Schülerinnen und Schüler. Auch wenn man etwas böse einwenden könnte, dass Theater auch eine klare Aussage haben müsste, um zu wirken, so zeigt diese Aufführung, dass ein Weniger an klarem Inhalt das Spiel der Darstellerinnen und Darsteller beflügeln kann.
Von Kolja Frey

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