»Eröffnung« und »Der Adler auf dem Hühnerhof«

Von folgenschweren Eiern
Ein Kindermusical über das Anders sein, mit einer Hommage an Rolf Zukowski und alle Kinderliedermacher Deutschlands.
Vater, Mutter, Kind – eine typische Kleinfamilie in ihrer schlicht eingerichteten Wohnung. Ein kleiner Kindertisch mit Kinderstühlen, eine verlorene Pflanze und zwei Stellwände, mit Fenster und Tapetenmuster bemalt. Am Tisch: Vater und Mutter in ihren bürgerlichen Kostümen. Vater im leicht zu großen Anzug mit Krawatte. Mutter in rosa Blümchenbluse und Rock. Einfamilienhaus am Stadtrand- Stereotype. Während die Mutter das Kreuzworträtsel zu lösen versucht und ein anderes Wort für Straße mit fünf Buchstaben sucht, kommt der Sohn im Fußballspieleroutfit auf die Bühne. Er beklagt sich darüber, dass die Anderen ihn beim Fußballspielen immer niedermachen und er eigentlich keine Lust mehr hat zum Spiel zu gehen. Unerwartet ertönt die aus Kindertagen bekannte Kinderliederklangwelt aus akustischer Gitarre, Rasseln und Xylophon. Der Junge packt seinen Frust über seine unfairen Mitspieler in ein Kinderlied, welches er an der Bühnenkannte zum Besten gibt. Die Erzählstruktur aus Erzählung und anschließendem süßen Kinderlied ist der dramaturgische Leitfaden der Inszenierung. Nach dem Abklingen der letzten Strophe bietet die Mutter dem niedergeschlagenen Jungen an, ihm eine Geschichte zu erzählen. Szenenwechsel: Zwei ältere Damen kommen auf die Bühne, drehen die Stellwände, auf denen nun ein gemaltes Bauernhaus und ein Hühnerstall zu sehen sind. Hinter den Vorhängen quellen viele Kinder in orangegelben Hühnerkostümen hervor, die pickend die Bühne füllen. Natürlich darf auf dem Bauernhof der Bauer in Engelbert Strauß- Latzhose und Jägerhut, sowie seine Frau mit Tochter – beide in so etwas wie einem Dirndl – nicht fehlen. „Hallo Hühner“, begrüßt er die Hühner, ebenso wie seine Kinder und sie stehen stramm. Er freut sich über den guten Ertrag und redet selbstsicher darüber, dass es den Hühnern auf seinem Hof ja so „huhnderbar“ geht. Schnell stellen wir fest, dieser Bauernhof ist märchenhaft, alle Tiere werden artgerecht gehalten, und die Hühner legen ganz natürlich sehr viele Eier, welche auf dem Wochenmarkt einen guten Ertrag einbringen. Der gelebte Traum eines jeden PETA-Aktivisten. Insgesamt kommt die Inszenierung einer märchenhaften Fabel sehr nahe.
Die Tage ziehen ins Land, bis plötzlich ein großes Ei auftaucht. Es kann kein Hühnerei sein. Bloß was ist es denn dann? Wohlerzogen wie die Hühnerfamilie ist, beschließt sie es zusammen auszubrüten und siehe da, es schlüpft ein Adler aus der Mitte der Hühner. Nun wissen die Hühner, dass ein Adler Hühner gerne frisst. Doch da greift die herzliche Nächstenliebe des Bauern und sie beschließen das Adlerküken in ihren Hühnerstall zu integrieren, denn mit der richtigen Erziehung kann selbst ein Adler zum Huhn werden. Da kommt sie nun, die moralische Dimension einer Fabel: auch das böse Fremde kann integriert werden, wenn man ihm nur seine eigene, für gut befundene Lebensart und Lebensvorstellung überstülpt. Nur das Wissenschaftlerpärchen im grünen Expeditionskostüm aus kolonialer Zeit, die wenige Tage später die befreundete Bauernfamilie besuchen, sieht das etwas anders. Ein Adler muss fliegen und jagen. Engagiert und selbstsicher versuchen sie hinter dem Rücken des Bauern, der die Ambitionen seiner Freunde nicht nachvollziehen kann, den Adler zu befreien. Denn der Adler hat die Verhaltensmuster der Hühner mittlerweile hervorragend verinnerlicht. Warum sollte er denn wieder zu seinen schlechten Eigenschaften zurückgeführt werden? Doch die Wissenschaftler bleiben hartnäckig. Zwei Lieder mit Hühnerchoreographie und einem gescheiterten Flugversuch von der Leiter später, wird ein riesiges Ayers Rock Imitat auf die Bühne geschoben, von dem das Kind runterspringt und rennend durch die Zuschauerreihen fliegt. Dann wird das so eben Gesehene musikalisch – moralisch aufarbeitet und es gibt Applaus.
Der Adler auf dem Hühnerhof, ist eine für das junge Publikum zugeschnittene, süße Kinderinszenierung. Die von Äsop inspirierte Form der Fabel, eignet sich schon seid Jahrhunderten wunderbar für die vereinfachte, kindgerechte Darstellung von komplexen Sachverhalten. Das wirkt alles stimmig. Die Kinder gehen mit den Liedzeilen und Melodien im Kopf beschwingt aus dem Saal. Die Mütter und Väter sind glücklich über ihre tollen Kids, die die Aufführung gestemmt haben. Alles schön und ja, dass muss es auch geben, das steht außer Frage, doch die Spielleitenden sollten ihre pädagogische Grundhaltung einmal auf den Prüfstand stellen. Man vermisst die gelebte natürliche Kindlichkeit: Sozusagen das vorhandene, schöne, naive Kapital, welches junge Spieler*innen von ganz allein mitbringen. Was im besten Falle dazu führt, dass eine Unbeschwertheit von der Bühne ausgeht. Diese Inszenierung wirkt alles andere als unbeschwert. Sie wirkt krampfhaft perfekt. Jede Bewegung ist einstudiert und sitzt, jeder Satz ist überartikuliert und verdrängt die Emotion den kindlichen Stimmen. Die weggebügelte Emotion wird dann mittels der Lieder, süßer Kostüme und warmem Licht künstlich erzeugt. Das ist schade, und überschattet die schöne Erzählung.
Übernommen von: http://www.juthon.de/2017/06/01/von-folgenschweren-eiern/
Von Mathias Müller

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