»Unter Strom«

Wonder-Woman meets Superschurke
Eine Zugfahrt beginnt, wie sollte es anders sein, am Bahnhof. So auch hier, in der selbstverfassten Darbietung „Unter Strom“ des 11. Jahrgangs des Gymnasiums Neue Oberschule Braunschweig. Doch im Haus Drei des Staatstheaters Braunschweig sieht es nicht nach einem Bahnhof aus: keine Bahnsteige, kein Bahnhofskiosk geschweige denn Fahrpläne. Über die Bühne verteilt sind mehrere schlichte weiße Sitzkartons, im Hintergrund ein Tisch mit einem PC und einem Laptop. Doch nun passiert etwas: Menschen kommen von hinten herein und laufen hektisch umher, um ihren Zug noch zu erwischen, den sie vielleicht eh schon verpasst haben. Aus diesem Gewühl von hektischen Pendlern, Anzugträgern und Rentnern löst sich eine Gruppe heraus, die nach vorne tritt. Eine steht dabei im Mittelpunkt: eine Schülerin, die massiv unter Klaustrophobie leidet und nun beschlossen hat, sich mit einer Zugfahrt selbst zu therapieren. Ab hier wird es interessant: ihre Gedanken werden sowohl von ihr als auch von der Gruppe wiedergegeben, teils werden ihre Sorgen als Echo in den Raum gesendet. Ein Schema, das sich auch bei den anderen drei Hauptdarstellern durch die Inszenierung zieht.
Die Geschichte entfaltet sich rund um eine Ingenieurin, die einen neuartigen Superhightech-Zug entwickelt hat, der in der Lage ist, selbstständig zu fahren. Sie wirkt zunächst wie eine Wonder-Woman in einem Business-Kosmos, ohne nach Business auszusehen: sie trägt lässige Jeans und T-Shirt. Doch ihr Verhalten lässt keine Fragen dahingehend offen, in welche Welt sie gehört: diszipliniert, klug, emanzipiert, durchsetzungsfähig. Von ihrer neuesten Entwicklung absolut überzeugt, möchte sie jeden glauben machen, dass das der Durchbruch im modernen Bahnverkehr ist. Doch wie man bereits früh erahnen kann, führt gerade das blinde Vertrauen der Ingenieurin und der Passagiere in die moderne Technik zur Katastrophe. Nach einer zunächst problemlosen Fahrt passiert es: Blitze zucken, ein Knall, Panik; der Zug muss aus völlig ungeklärter Ursache anhalten. Während die Passagiere auf den Papphockern rundherum wieder erstarren, beginnt im Abteil der Ingenieurin hektisches Treiben. Sie, also Wonder-Woman, in der Überzeugung, dass so ein Notfall gar nicht eintreffen kann, springt zum Tisch mit dem PC und analysiert fieberhaft die Daten, die ihr zur Rettung der Situation auch nicht weiterhelfen können. Dabei muss sie sich energisch gegen einen Superschurken wehren, gekleidet in Businesslook mit Aktenkoffer, der in äußerst unbeherrschter Art und Weise zur Weiterfahrt drängt und bei Nichteinhaltung mit Klage droht. Man weiß zunächst nicht, was sein finsterer Plan ist, nur dass der Inhalt seines Koffers äußerst wichtig sein muss. Man wird zwangsläufig an das ungelöste Koffer-Mysterium in Tarantinos Gangster-Epos „Pulp Fiction“ erinnert, nur dass die lässige Coolness eines Vincent Vega oder Jules Winnfield fehlt, sondern ein Choleriker seiner Wut freien Lauf lässt. Währenddessen versucht der vierte Protagonist, ein sehr jugendlicher Rentner, der Schildmütze und Stock zum klassischen Teenie-Casual-Look kombiniert, die panische Phobikerin zu trösten. Auch er hat einen Grund, warum er in diesem Zug sitzt: er möchte die Familie eines vor langer Zeit verstorbenen Freundes besuchen, um sich mit ihnen auszusöhnen.
Jeder der vier Charaktere hat einen Grund, warum er in diesen Zug gestiegen ist, und sie werden es schnell bereuen. In einer Art Resümee schwört jeder von ihnen: „Wenn ich jemals wieder hier rauskomme, dann…..“ wollen sie die Ziele einhalten, die sie sich vor Fahrtantritt gesetzt haben bzw. fällt ihnen ein, was wirklich wichtig im Leben ist. Die Ingenieurin möchte mehr Zeit mit ihrer Tochter verbringen, die Phobikerin schwört, nie wieder einen Zug zu betreten, der Rentner will sein Versprechen einhalten, nur der Businesstyp verrät jetzt seine wahre Absicht seiner Reise: er will seine verunglückte Familie im Krankenhaus besuchen und das wieder gut machen, was er durch sein Fehlverhalten in der Ehe zerstört hat. Scheinbar hat dieser Fiesling doch ein Herz, der seinen mysteriösen Koffer wohl nur als Druckmittel gewählt hat, um schneller seine Kinder in die Arme schließen zu können. Vielleicht belügt er sich aber weiterhin selbst und nutzt diesen Besuch nur als Alibi, um sein schlechtes Gewissen zu befriedigen.
All diese Details aus dem Leben der vier werden von den anderen Schülern nach Flashback-Art gespielt, sodass immer wieder Handlungssprünge entstehen, die die Inszenierung interessant machen. Für alle wird dieses Festsitzen zu einem Offenbarungseid gegenüber sich selbst. Vor allem Wonder-Woman muss sich nun eingestehen, dass sie gar nichts im Griff hat und die Situation völlig außer Kontrolle geraten ist; ihre Stimmung überträgt sich auf den Rest der Schicksalsgenossen und die Konflikte innerhalb der Gruppe eskalieren. Für die Statisten bzw. Fahrgäste außerhalb des Abteils wird das Warten auf ein Wunder ebenfalls zur Qual, sie stöhnen, schwitzen, stützen die Hände in den Kopf, schauen auf die Uhr und warten weiter. Die Stimmung im Zug überträgt sich nun auf die Zuschauer, auch weil es im Saal unerträglich heiß ist, sodass man das Gefühl hat, man sitzt mit in diesem Waggon und muss sich dem Schicksal fügen. Und plötzlich: alle schreien, es donnert und die Bühne wird plötzlich dunkel.
Dann Szenariowechsel: der Waggon ist verschwunden, stattdessen ein Gerichtssaal. Die Ingenieurin ist angeklagt wegen fahrlässiger Tötung. Warum? Es muss etwas mit dem Zugunglück zu tun haben, aber es wurde doch niemand umgebracht. Was also war passiert? Der Richter erläutert, dass zwei Bahnarbeiter durch den fahrenden Zug getötet wurden. Die Ingenieurin trägt deshalb die Schuld am Unglück, weil die Fahrt zum einen auf dem befahrenen Streckenabschnitt nicht angemeldet war und zum anderen, weil aufgrund des automatisierten Zuges kein Zugführer anwesend war, der den Zusammenprall hätte verhindern können. Wonder-Woman hat also versagt, sie konnte die Menschen nicht retten, weil sie an ihrer Eitelkeit festgehangen hat anstatt auf ihren Verstand zu hören. Der Richter setzt zur Urteilssprechung an, ihr Kopf senkt sich vor Scham herab. Die langen, lockigen Haare der Darstellerin verdecken ihr Gesicht wie einen Vorhang, der sie vor der Umwelt abschirmt und ihr eine Art Sicherheit in diesem ganzen Schlamassel bietet. Doch nach dem Satz „Es ergeht folgendes Urteil.“ gibt es einen abrupten Cut. Die Stimme verstummt, es wird dunkel…….und Schluss.
Ein offenes Ende, dass jeden fragend zurücklässt und im Inneren nachwirkt. Ein Abend, der noch lange im Gedächtnis bleiben wird, weil sich die Dichte an Handlungssträngen zu einem interessanten Gesamtbild fügt und über den Kontext einer Schultheateraufführung hinausweist. Beklemmend, weil in anschaulicher Weise die Absurdität eines blinden Vertrauens in Maschinen vorgeführt wird und uns dazu zwingt, diese hochaktuelle Thematik und noch einmal zu überdenken.
Von Carolin Orthofer

Kommentieren

Die Kommentar-Funktion wurde wegen Spam-Missbrauch deaktiviert.

Fotos zu den Stücken

Sie haben ein Foto zu »Ihrem« Stück? Wir fügen es gerne der Beschreibung hinzu! Bitte schicken Sie es an .

Mehr Termine...

Schultheaterkalender ...finden Sie auf dem Schultheater- kalender. Spielleiter können dort weitere Aufführungstermine unkompliziert bekannt machen!

Archiv