»Kein Weihnachtsmärchen«

Der Vorhang bleibt zu!
„Kein Weihnachtsmärchen“ – bereits der Titel lässt erahnen, dass die Schülerinnen und Schüler der Gaußschule Braunschweig nicht zu einer Märchenaufführung im klassischen Sinn laden: Kein Erzähler, keine Figuren, kaum Handlung, keine ausgestalteten Kostüme, kein Kitsch, kein Happy End, keine Moral und keine Bühne – zumindest nicht die dafür vorgesehene. Der Vorhang bleibt zu, die Guckkastenbühne in der Aula der Gaußschule bleibt unbespielt und einen bestuhlten Zuschauerraum gibt es auch nicht. Stattdessen werden wir kurz vor der Aufführung gebeten, uns einen Platz auf der Spielfläche (der eigentliche Zuschauerraum) zu suchen. Auf der Spielfläche stehen kreisförmig angeordnet in neutraler Haltung und schwarzen Trainingsklamotten die Spielerinnen und Spieler, so dass wir uns alle brav um die Spielfläche herum setzen und eine Art Raumbühne bilden. Niemand traut sich, sich mit auf die Spielfläche zu stellen und niemand traut sich, sich mit dem Rücken zur eigentlichen Bühne zu setzen, schließlich könnte sie ja vielleicht doch noch genutzt werden. Im Nachgespräch wird deutlich, dass wir Zuschauer uns eigentlich als einen den gesamten Raum ausfüllenden „Märchenwald“ hätten positionieren sollen. Sei’s drum, auch so erfrischt das Spiel- und Raumkonzept der Theatergruppe unter der Leitung von Stefan Lüttenberg und Meria-Ann Schmieding: Fragmentarisch werden mittels unterschiedlicher Spielformate, Geräuschteppichen, bewegten Standbildern, geloopten Bewegungsabläufen und sich wiederholenden Zitaten zentrale Momente der klassischen Märchenliteratur aneinander gereiht. Das ist kurzweilig, unterhaltsam und kommt mit einer angenehmen Leichtigkeit daher. Unterbrochen wird die Märchencollage immer wieder durch Nachrichten aus der Region, die den heutigen Bezug zum Thema Märchen vermitteln sollen. Fragt sich die böse Hexe aus „Hänsel und Gretel“, wer da an ihrem Häuschen knuspert, erfahren wir kurz darauf, dass in Hannover Trickbetrüger älteren Damen ihr Geld unter dem Vorwand entwenden, es sei verhext und werde ihnen zu ihrem Wohle abgenommen. Dass das Vorkommen von Wölfen in unserer Region wieder zunimmt und sogenannte „Problemwölfe“ laut Gesetz abgeschossen werden dürfen, folgt auf ein Fragment zu „Rotkäppchen“ – schließlich gibt es auch hier einen „Problemwolf“. Zwar kann man in Frage stellen, inwiefern die präsentierten Nachrichten tatsächlich eine Brücke schlagen zwischen den „Märchen aus alten Zeiten“ und Heute, da das Stück aber an keiner Stelle für sich in Anspruch nimmt, sich mit etwas dezidiert auseinandersetzen oder eine bestimmte Problematik verhandeln zu wollen, geht das schon in Ordnung. Dennoch ist die Frage einer Zuschauerin im anschießenden Nachgespräch berechtigt: „Was haben denn die Märchen eigentlich mit euch zu tun?“, will sie wissen. Die Antwort lautet, dass doch jeder mit Märchen aufgewachsen sei und dass doch jeder ein Lieblingsmärchen habe und dass es also selbstverständlich sei, dass man Lust habe, dies auf die Bühne zu bringen. Außerdem machten Märchen einem doch ein gutes Gefühl, oder etwa nicht? Und Recht haben Sie ja, die 12.- und 5.-Klässler, die an diesem Stück gemeinsam gearbeitet haben. Trotzdem: Den jungen Erwachsenen, die sich sehr wortgewandt und selbstbewusst im Nachgespräch präsentieren, hätte man mehr Tiefgang durchaus zugetraut.
Von Lisa Degenhardt

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