»VERLOREN«

Verlier Dich nicht!
Fünf Schülerinnen liegen auf dem Boden des kleinen Hauses und schlafen. Eine Uhr tickt. Laut. Die jungen Frauen beginnen sich zu dem Ticken der Uhr zu bewegen, beginnen sich zu recken, beginnen aufzustehen. Stehen. Bis auf eine, die in ihrem gräulichen Nike-Shirt und der schwarzen Puma-Leggins recht natürlich auf dem Boden liegt, ihr leicht lockiges Haar offen um den Kopf zerstreut. Während die anderen vier exakt die gleiche Kleidung tragen, ihre Haare zum Dutt gebunden sind und sie mit dem Kopf nach rechts auf dem Rücken liegen und ihre Knie angewinkelt haben. Sie beginnen eine Choreographie, die Lockige steht auf, will mitmachen. Sie bewegen sich nach vorne, setzen sich weiße Masken auf. Sie möchte das nicht. Sie steht unmaskiert in den Mitte und wird immer verzweifelter, als nach und nach alle anderen ausrufen: "Du bist anders!"

Durch die homogene Masse verliert der einzelne Mensch seine Individualität, wenn er sich stets bemüht, angepasst zu sein. Das unmaskierte Mädchen ist anders. Es wird dafür von der Masse ausgegrenzt und verachtet, dabei hat sie ihre Individualität noch nicht verloren. Verloren. "Verloren", das ist Titel und Thema der selbstverfassten Performance des Prüfungskurses der Ricarda-Huch-Schule Braunschweig. Welche Bedeutungen dieses Wort hat, wird uns von Siri, dem Apple Spracherkennungsprogramm erklärt, sie trägt uns die Duden-Erklärung des "Partizips Perfekt von verlieren" vor, nachdem eine Schülerin sie danach fragt. Die verschiedenen Bedeutungen werden daraufhin von den Schülerinnen (und dem einen Schüler, der zeitweise als Hausmeister auftritt) dargestellt. Sei es der Verlust von Eigenheiten in einer größeren Menge von Menschen oder das Verlieren eines Spieles; die Darstellenden haben eine zeitlose, kurzweilige und abwechslungsreiche Collage entwickelt, die mit wenigen Worten ihre Aussagen überzeugend und berührend zu vermitteln weiß.

Nach und nach betreten alle Schülerinnen die Bühne, eine erste hat begonnen und verteilt an vier weitere jeweils einen Nintendo. Die Super Mario Bros.-Melodie ertönt in altbekannter 8-bit-Qualität. Wie man es nun bei jedem, der Nintendo spielt, beobachten kann, so bewegen sich auch die Schülerinnen beim Spielen. Sie springen auf, brechen beinahe zusammen, mockieren sich, freuen sich. Letztlich endet diese Flut an Eindrücken damit, dass die Melodie ertönt, die einem sofort deutlich macht: Das Spiel ist verloren.

Wir verlieren unsere Eigenheit, unsere persönliche Besonderheit dadurch, dass wir uns nur so verhalten, wie es uns vorgegeben wird, so erscheinen, wie es die Regel ist. Wir bewegen uns wie Roboter, nach festgelegten Mustern. Wenn nun ein Mensch diesen Mustern nicht mehr folgt, kommt der Hausmeister und wechselt Schrauben und verpasst dem System eine Rundumüberholung. Bei dem ersten Pickel kommt die Chemie zum vollen Tragen, beim ersten grauen Haar sorgen wir dafür, dass die gesamte Struktur der Haare langfristig ruiniert wird. Wir wollen den Mustern entsprechen. Wenn eine Schülerin während der Performance aus dem Muster herausbricht, hakt und die gleiche Bewegung immer wieder wiederholt, so wird sie vom Hausmeister repariert und mitgenommen. Eigenheiten müssen entfernt werden, wir müssen sie verlieren.

Anhand vieler kleiner Beispiele unter Einsatz aller Möglichkeiten der Tontechnik, zugleich sparsam an Vielfalt bei den Requisiten (5 Masken, Koffer und unzählige Nintendos) und insbesondere ohne sonderlich viele Wörter wird diese Performance zu einem kleinen Meisterwerk, das sich sehen lassen kann. Die Synchronität, die diese Gruppe bei ihren vielseitigen, jedoch geschickt konzipierten Choreographien an den Tag legt, zeigt zudem erschreckend, dass genau hier jegliche individuelle Vielfalt überwunden und ausgeklammert wird.
Von Michel Graver

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