»VERLOREN«

„Verloren“?! –Jedenfalls nicht der DSP-Kurs der Ricarda-Huch auf der Bühne
15 SpielerInnen liegen wie schlafend auf der Bühne. Jeder in schwarze, alltagsnahen Kostüme aus Hose, Shirt und Socken gekleidet, die sie als kollektive Masse kennzeichnen. Wie erwacht bewegen sich die SpielerInnen zu beschwingender klassischer Musik durch den Bühnenraum, erst allein, dann begegnen sie einander wie gute Freunde und posieren schließlich gemeinsam gut gelaunt, als wollten sie das Gemeinschaftsgefühl in einem perfekten Selfie festhalten. Doch: „Was bringen dir 1000 Menschen um dich herum, wenn du dich trotzdem einsam fühlst?“ wirft eine Stimme aus dem off die Gedanken einer Figur ein, die niedergeschlagen aus der Masse heraustritt und sich an den Bühnenrand setzt. Was, wenn du anders bist? Wer passen will, der muss sich verbiegen. Aber Wie geht das, ohne sich zu verlieren? Und was bedeutet das eigentlich „verloren“? Diesen und weiteren Fragen ging der DSP - Prüfungskurs des 12. Jahrgangs der Ricarda-Huch-Schule in seiner Produktion „Verloren“ auf die Spur, die unter der Leitung von Matthias Geginat selbst verfasst wurde. Dem Kollektiv wurden hier Individuen in diversen Situationen gegenübergestellt, wie die Figur der eingangs beschriebenen Szene, die nicht in das Raster des Kollektivs passen und sich verloren fühlen. Dass ganze „Menschenmassen“ verloren und einsam sein können, zeigte z.B. die sprachlich gelungene chorische Umsetzung einer Textvorlage, die den Ausschluss ethnischer Minderheiten thematisierte. Verloren waren auch die abstrakt dargestellten Glühbirnen, deren Lebensdauer abgelaufen war. Eine weitere Szenenfolge zeigte die Vereinsamung von Figuren, deren Motto „Zeit ist Geld!“ das Lebenstempo und Lebenszentrum bestimmte.
Eindrucksvoll setzte der Kurs das Thema dabei mit Mitteln des Körpertheaters z. B. als Bewegungschor in tänzerisch-choreografierten Bodymoves mit hoher Bühnenpräsenz, ausdrucksstarkem Spiel sowie starker Körperlichkeit um. Choreografierte synchrone Bewegungsabfolgen der Gruppe versinnbildlichten in vielen Szenen ein Kollektiv, das Gleichschritt, Konformität und Anpassung verlangt. Wer nicht im Gleichschritt ging, sich bewegte oder agierte, wurde als „Anders!“ von der Masse abgestempelt und ausgeschlossen. Unterstrichen wurde der Effekt durch die einheitlichen schwarzen Kostüme sowie das Requisit der weißen Maske, die sich eine Gruppe an DarstellerInnen überstülpte. Obwohl die Maske als Symbol von Individualitätsverlust sicherlich ein recht bekanntes und oft benutztes Stilmittel des (Schüler-)Theaters ist, zeigt es sich nach wie vor wirkungsvoll, zumal es eher als unterstützendes Element neben chorischen Elementen der Produktion fungiert. Die Musik schuf unterstützend mal eine bedrohliche, melancholische, groteske oder auch beschwingte Atmosphäre.
Doch auch mit Text und gezieltem, metaphorischem Einsatz von Requisiten wurde wirkungsvoll gespielt. So fungierte ein Rollkoffern als Spiel- und Tanzpartner und war so ein treffendes Sinnbild für ein System, in dem Ichbezogenheit und Geldliebe Beziehungen verdrängen.
Letztendlich mündete die Szenencollage dramaturgisch sinnig wieder in der Anfangsszene, in der Anders-Sein und die Individualität buchstäblich als befreiend demaskiert wurden. Statt einheitlich vorgegebener Choreographien und Masken, entdeckten und entfalteten alle Figuren nun ihre individuelle Bewegungssprache, indem sie durch den Raum tanzten. Ein Mittel, das seine Wirkung sicherlich erreichte. Das Schlussbild wirkte harmonisch, als alle im Chassé, aber ohne Maske, als Einheit zusammen über die Bühne schwingen: Gemeinsam, aber nicht einsam. Es bleibt nur die Frage, ob das Individuelle, das stark durch Bewegung umgesetzt worden ist, dadurch nicht doch ein Stück in der Choreografie verloren geht.
Alles in allem überzeugt das Stück mit starker Bildwirkung durch Bewegungschor, gezielten Einsatz von Requisiten, starkem Spiel und atmosphärischer Wirkung durch sinnvollen Einsatz von Musik und Sprache. Ein wenig mehr Mut zu neuen Bildern z.B. statt der häufig benutzten und bekannten Maske als Sinnbild für Individualitätsverlust, sowie performativ erzeugter Kurzatmigkeit und Erschöpfung statt gespielter könnte man dem Kurs in der Zukunft als Impuls mit geben. Es gilt jedoch: Wenn jemand auf der Bühne etwas verloren hat, dann auf jeden Fall der 12-er-Kurs DSP der Ricarda-Huch-Schule!
Von Janina Pfeifer

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