»Schiffe versenken«

#Weltfrieden
Das Erste, was mir auffällt, ist: es gibt ein Programmheft! Darauf finden sich die Elemente eines Schiffe-Versenken-Spiels und an der Eingangstür steht einer der Spieler in einem weißen Kittel mit einem Klemmbrett und einem Stift und mustert die einströmenden Zuschauer_innen, als würde man gerade in ein Irrenhaus eingewiesen werden. Außerdem liegen kleine Papierschiffchen auf den Sitzen, mit Fragen wie “Was bringt dich weiter?”, oder “Wer entscheidet über deinen weiteren Weg?”.
Philosophische Fragen über das Leben werden im Dunkeln gestellt. Auf der Bühne sitzen drei schwarz gekleidete Spielerinnen und ein weiß gekleideter Spieler auf weißen Holzkisten. Alle laufen durch den Raum. Auf der Projektion sieht man ein Spielfeld, auf dem einer der Spieler vorne an der Bühne unter einer Kamera markiert, wo ein Schiff untergeht. B5, A7, C3. Klatsch! Getroffen. Eine Schülerin hält sich den Arm. Gleichzeitig wurde auf der Videoprojektion ein Papierschiffchen mit einem knirschenden Geräusch unter Wasser gedrückt. Sie laufen weiter, bis schließlich ein Mädchen hinfällt. Versenkt. Treffer. Warum bist du so? Was wird morgen sein?
Alle stehen still. Der Doktor kommt herein. Er stellt die Patientin vor. Diagnose: Schizophrenie. Er geht wieder ab. Es folgt ein Zitat des monotonen Arbeitsalltags: Wie eine ineinander greifende Maschine stellen die Schüler den Arbeitsalltag von Telefonistinnen nach. Einer liegt im Bett, steht auf, die nächste fährt mit dem imaginären Auto zur Arbeit, eine weitere kommt von dort zum Arbeitsplatz, wo synchron und routiniert über den weißen Hockern die imaginierten Hörer gehoben und gesenkt werden. Als Audio wird ein Text eingespielt, über den eintönigen Tag, der nur aus Schlafen und Arbeiten besteht. Die Spieler schreien; das muss aufhören! Und fallen um. Ist das die Kapitulation vor dem Systems unserer Arbeitswelt, welches so stark das Leben vieler Menschen beeinflusst, die Angst davor, jemals in einem solchen Beruf zu landen? Im eingespielten Video stellt sich einer den zwanzigsten Pokal in sein Regal. Die Telefonistinnen stöhnen resigniert und gelangweilt: “Träume, nichts als Träume.” Das Ganze Spiel wiederholt sich, auch das Golf spielen in der Natur stellt sich als ein Seifenblasentraum für die Telefonistinnen dar. Sie müssen immer weiter arbeiten. Niemals sind sie gut genug. Bei einem Blick durchs Schlüsselloch, wo die Mutter arbeitet und der Vater am Fernseher hängt, sieht man, wie selbst die Eltern früher mit einer 1- nicht zufrieden waren. Das hält eine schließlich nicht mehr aus, sie tanzt aus der getakteten Reihe, mit der Waffe in der Hand bringt sie sich schließlich um. Alle liegen auf dem Boden. Auf das Krankheitsbild der Schizophrenie könnte noch konkreter eingegangen werden, an dieser Stelle.
Wieder wird Schiffe versenken gespielt. Diesmal trifft es ein dünnes Mädchen mit Netzstrumpfhose und kurzem Rock. Es wird angesagt, dass die Figur wohl an einer Magersucht leidet. Nachdem der Doktor abgegangen ist, nehmen die Schüler_innen Aufstellung: in einem Halbkreis stellen sie sich zum Publikum um das dünne Mädchen auf. Von rechts nach links prasseln nacheinander beleidigende und hasserfüllte Kommentare auf sie ein, die sie nach und nach zu Boden sinken lassen. Nachdem sie ganz am Boden liegt, rafft sie sich wieder auf und entgegnet kokett: “das lässt sich ändern. #Weltfrieden.” Sie geht ab.
Währenddessen spielen Ärzte und ein Schönheitschirurg miteinander Golf. Ob das die Verbindung zu den Telefonistinnen ist, für die Golf spielen ein unrealistischer Traum ist? Wieder wird Schiffe versenken gespielt. Der Schönheitschirurg ist getroffen. Depression. Es folgt eine Schönheits-OP der vorher gemobbten Spielerin.
Das Licht ändert sich, kraftvolle Musik wird gespielt und alle Ärzte arbeiten Hand in Hand am Patienten. In der Choreografie gibt es auch einen Monitor, der die Herzaktivität der Patientin mit einem Finger beschreibt. Zwischendurch gibt es immer wieder Zeit für ein Selfie mit der Patientin, bis diese stirbt.
Beim darauffolgenden Schiffe versenken trifft es eine Pastorin, die das Jerusalem-Syndrom hat. Sie erweckt die Tote, die zufälligerweise diejenige, die zuvor durch die Schönheits-OP des depressiven Schönheitschirurgen umgekommen ist.
Eine dazwischengerutschte Tanzchoreo zu “I am blue” schiebt sich ins Bild und will bewegungsmäßig nicht ganz zu dem Rest passen. Durch die Reduktion der Requisiten entstehen schöne Choreografien auf der Bühne, die passend eingesetzt wurden. Alle Übergänge sind angenehm gelöst. Leider sind die Videos, die es zu sehen gibt, relativ klein, auf einer großen weißen Folie, was sich im Nachgespräch mit dem Techniker allerdings als technische Herausforderung darstellt. Das Licht und die Medientechnik waren angemessen genutzt. Nach dem letzten gesunkenen Schiff, rennen alle Schüler in einer Reihe von hinten nach vorne und schreien im Chor: Es muss sich was ändern. Lass uns was ändern! Reicht das, um den #Weltfrieden zu schaffen?
Von Anna-Maria Buchgraber

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