»Mädchen? Mädchen!«

Zieh dir was an, Mädchen!
Viele Bücher und Weinkisten sind auf der Bühne verteilt. Die Mädchen werden von den Jungs ruppig an den Bühnenrand gezerrt und sollen sich dort in einer Reihe auf die Knie setzen. Sie versuchen sich vergeblich zu wehren. Sie haben den Kopf nach unten gesenkt, haben Angst. Aus einer Kiste, die auf der Bühne steht, werden von den Jungs lange, bunte Kleider rausgenommen und den Mädchen zugeschmissen. Sie sollen sie anziehen und neue Namen/ Identitäten bekommen. Die Jungs stehen bedrohlich hinter den Mädchen und singen im Loop „Zieh dir was an, Mädchen“. Sie verlassen die Bühne und lassen die Mädchen alleine.
Der Vorhang ist zu. Ein Schüler sitzt auf einem Treppchen vor der Bühne und studiert eine Lektüre. Auf die rechte Wand im Publikumsraum wird ein Video projiziert, auf welchem Mädchen zu sehen sind, wie sie sich fertig machen für ihren großen Auftritt. Wimpernzange, Mascara, Lippenstift. All das darf nicht fehlen. Es ist ein schönes Stilmittel, da es einen intimen Einblick hinter die Kulissen gibt. Das Video wird im Loop einige Male wiederholt. Der Junge mit seinem Buch in der Hand beginnt seinen Prolog. Er wird laut, provoziert, schreit.
Diskolicht. Partymusik. Der Vorhang geht einen Spalt auf. Ein Junge mit Skinny Jeans und Sonnenbrille begrüßt die Damen und Herren im Publikum zur Modenschau. Die Mädchen treten nacheinander in verschiedenen „sexy“ Outfits auf dem imaginären Laufsteg auf. Dabei sind sie sehr selbstsicher und überschwänglich. Das Publikum feuert die Mädchen mit tosendem Applaus an. Kommentiert wird das Spektakel ironisch von dem Jungen mit Sonnenbrille. Nach dem spektakulären Walk bleiben sie vor der Bühne stehen. Wir bekommen wertvolle Schmink- und Datingtipps aus der Bravo vorgestellt, untermalt mit lustigen Bewegungen. Ein Mädchen, lange blonde Haare, schwarzes Kleid, schaltet sich mit ihrer Kamera live zum Publikum und erzählt wie eine Youtuberin ganz tolle Beauty-Tipps. Exzellent gespielt. Eine tolle Einstiegsszene, bei der man Lust darauf bekommt, wie es weitergeht. Werden sich die Mädchen die neuen Rollen überstülpen lassen? Werden sie sie mögen lernen? Werden sie sich wehren? Werden sie sich selbst neu kennenlernen?
Die Mädchen echauffieren sich in ihrer tussigen Art über die Umstände und wollen sich auflehnen gegen die Jungs. Trotzdem tragen sie die neuen Kleider und die neuen Namen, mit denen sie sich fortlaufend ansprechen. Sie beginnen einzusteigen in ihre Rollen, sich mit den literarischen Figuren wie Emilia Galotti, Greta, Salomé auseinanderzusetzen. Zuerst kämpfen sie mit den Texten, schmeißen die Bücher auf den Boden, wollen nicht spielen, aber dann beginnen sie. Von Tussi-Jargon zu Shakespeare-Sprache. Es ist schön und interessant dabei zuzusehen, wie schön und echt sie auch diese Rollen spielen. Wann brechen sie aus?
Das Warten hat ein Ende, als am Schluss der Inszenierung fast alle der Darsteller „tot“ sind. Die Hauptaussage des Abends wird in einem Satz von einem der Mädchen, welche bei dem „Spiel“ überlebt hat, mit Kraft und Überzeugung an das Publikum hinausgetragen. Sinngemäß ist die Aussage, dass Mädchen sich heutzutage nicht mehr in Schablonen oder Vorbilder von damals reinquetschen lassen und denen auch nicht entsprechen wollen. Jedes Mädchen kann und darf so sein, wie es will.
Enttäuschung. Der Moment, auf den die ganze Zeit gespannt gewartet wurde, kommt nicht. Die Jungs bleiben bis zum Ende in ihren klischeehaften Männerrollen. Männer sind überlegen, stark, herabwürdigend. Im Nachgespräch lernt man die vier Jungs der AG als liebe, eher schüchterne Jungs kennen. So hätte ich sie gerne auf der Bühne gesehen. Das Thema ist topaktuell und bietet sich super zum Arbeiten an, gerade spannend aus der Sicht der Jungs. Leider wurde das in der Inszenierung nicht reflektiert. Die Mädchen haben sehr starke Momente. Sie lehnen sich auf, wehren sich, sind stark und laut. Aber trotzdem bleiben sie fast alle in ihren Rollen, hinterfragen diese nicht während der Inszenierung. Großes Potential, toll gespielt, daran kann weitergearbeitet werden!
Von Stella Wörner

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